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Werte im Wandel
Nachhaltigkeit ist gelebte Kultur

Die Komplexität nimmt beständig zu – an dieser These dürfte wohl kaum einer zweifeln. Um diese Komplexität verarbeiten zu können, muss sich auch das Wertesystem einer Gesellschaft weiter­enwickeln. Was vor 50 Jahren noch avant­gar­distisch war, hat heute oft ausgedient. Neue Ideale und Maßstäbe bilden sich heraus – oft getrieben von Individuen.

Claudia Fürst

Partner bei der Unternehmensberatung
Management Partner

Es liegt schon einige Jahrzehnte zurück, als sich in der Bundesrepublik Deutschland der Gedanke zu mehr Gemeinschaft durchgesetzt hat. Im 19. Jahrhundert war die Industrialisierung an ihre Grenzen gestoßen, und es mussten neue Konzepte gefunden werden, die als Fundament für das Zusammenleben dienen. Die Idee der Sozialdemokratie kam auf. Bis ganz grundlegende Gedanken wie „die Würde des Menschen ist unantastbar“ Einzug in das Grundgesetz fanden, mussten allerdings noch viele Jahre vergehen. Damals – vor rund 65 Jahren – von den Bürgern vielfach abgelehnt, ist das Grundgesetz aus unserer Gesellschaft heute nicht mehr wegzudenken.

 


Neue Systeme müssen mehr
Komplexität verarbeiten können.


 

Heute sind es andere Themen, die viele Menschen umtreiben. Wie stabil ist unser Umverteilungsstaat? Das ist eine der oft gestellten Fragen. Etablierte Systeme wie Kranken-, Renten- und Sozialversicherungen drohen an ihre Grenzen zu stoßen. Neue Systeme müssen erst gebaut werden. Dazwischen liegt viel Unsicherheit – ein typisches Phänomen, wenn sich eine Gesellschaft entlang der Wertespirale weiterentwickelt. Clare Graves, Begründer der Ebenentheorie und Persönlichkeitsentwicklung, erforschte, wie sich Gesellschaften in dem Sinne entwickeln, dass sie immer mehr Komplexität verarbeiten können. Die Grafik (siehe Seite 15) zeigt, wie sich diese Entwicklung darstellt: Das Wertebündel „Gemeinschaft“ kann beispielsweise mehr Komplexität verarbeiten als das Wertebündel „Erfolg“. Viele mag das überraschen. Wir nutzen diese Erkenntnis in der Organisationsentwicklung von Unternehmen.

 

Den Anfang macht das Individuum

Den Anfang machen meist die Individuen. Aus den Lebensumständen heraus suchen sie nach neuen Ansätzen, um sich selbst und ihr Umfeld weiterzuentwickeln. Aber auch Unternehmen besetzen sehr häufig die Vorreiterrolle. Das hat lange Tradition. So ist beispielsweise der Gemeinschaftsgedanke der Sparkassen – seinerzeit durch einzelne vorangebracht – ein gutes Beispiel für die Etablierung eines Wertetreibers, der später in Gesellschaft und Politik aufgegriffen wurde. Heute geht es um weitere Werte wie Vernetzung und Globalisierung. Besonders die globalisierten Wirtschaftszweige bilden bereits hochsynergetische Strukturen. Die Politik tut sich damit noch etwas schwerer. Aber die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Werte lässt sich nicht aufhalten.

Nachhaltigkeit ist inzwischen gelebte Kultur –
auch bei kurzfristig ertragsorientierten Investoren.

Claudia Fürst

Und wieder ist das Individuum einen Schritt weiter. Wer die Generationen vergleicht, wird feststellen, dass bei jüngeren Menschen die Idee der Nachhaltigkeit schon deutlich stärker in Lebensmodellen verankert ist. Auch in den Unternehmen wird sich das Thema Nachhaltigkeit mit dem Eintritt der Generation Y noch stärker durchsetzen.

 

Unternehmen im Spannungsfeld

Bislang sind Unternehmen jedoch häufig in einem Spannungsfeld. Sie können nicht darauf warten, bis die Politik und ihre Systeme die Entwicklungsschritte nachvollzogen haben. Gleichzeitig bedienen sie Zielgruppen, die in puncto Werte oftmals deutlich höhere Anforderungen stellen. Und sie müssen sich selbst ständig weiterentwickeln und ihre inneren Strukturen anpassen, um der zunehmenden Komplexität gerecht zu werden. Wenn Unternehmen sich diesem Umstand aktiv stellen, gelingt der Wandel besser. Das ist dann zumeist sogar wirtschaftlich messbar.

 

Das Gedankengut des nachhaltigen Handelns ist in vielen Unternehmen bereits fest verankert. Mit Blick auf die Umsetzungsgeschwindigkeit muss man bedenken, dass es in Unternehmen immer zwei gedankliche Strömungen gibt: die Kurz- und die Langfristplanung. Der Faktor Nachhaltigkeit hat seinen Platz eher innerhalb der langfristigen Planung. In Zeiten wirtschaftlichen Drucks steht die kurzfristige Planung immer stärker im Vordergrund. Deswegen verschwindet die langfristige Planung jedoch nicht völlig, sie hat nur temporär eine geringere Priorität.

 

 

Das Wertesystem – Gesellschaften entwickeln sich entlang einer Wertespirale

Die Wertespirale benennt die Werte, auf denen unsere Gesellschaft basiert. Dies sind einerseits individuelle Werte wie die Macht. Auf der Gegenseite stehen kollektive Werte, beispielsweise die Ordnung. Zum oberen Ende der Spirale hin können die Werte immer komplexere Sachverhalte verarbeiten. Nachhaltigkeit ist also das Wertebündel, das die Komplexität unsererZeit am adäquatesten verarbeiten kann.
 
Quelle: Management Partner

 

Nachhaltigkeit ist ein harter Wirtschaftsfaktor

Ähnlich ist das Verständnis bei Investoren. Auch sie agieren mit verschiedenen Anlagehorizonten und gewichten daher das Kriterium Nachhaltigkeit unterschiedlich. Für kurzfristig orientierte Investoren spielt Nachhaltigkeit eher eine untergeordnete Rolle. Langfristig orientierte Investoren gewichten diesen Faktor innerhalb ihrer Bewer-tungskriterien stärker. Ein grundlegend wachsendes Interesse ist jedoch bei allen Investorengruppen zu beobachten. Das ist inzwischen gelebte Kultur, auch bei kurzfristig ertragsorientierten Investoren.

 

Herausfordernd ist allerdings nach wie vor die Frage der operativen Umsetzung. Die Nagelprobe liegt oftmals in den Entscheidungsprozessen selbst. Werden die richtigen Kriterien analysiert? Werden die richtigen Schlüsse gezogen? Fließen diese in die Umsetzungsprozesse ein? Es reicht nicht, Fragen zur Nachhaltigkeit in der Entscheidungsfindung nur halbherzig mitlaufen zu lassen, um zu zeigen, dass man mit einer guten Philosophie unterwegs ist. Ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeit als harter, unternehmerischer Faktor im Entscheidungsprozess verankert sein muss. Nur dann wird erkennbar, ob Nachhaltigkeit in der Strategie eines Investors ernst genommen wird. Und nur dann wird sie zu einem echten Wertetreiber.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Juli 2015