Risikomanagement mit Nachhaltigkeitsportfolien

ESG-Risiken im Portfoliomanagement: Integrieren statt separieren.

Eine wichtige Frage, die sich beim Managen von Nachhaltigkeitsportfolien stellt, betrifft das Risikomanagement. Sind ESG-Risiken als eigene Risikoart zu betrachten oder ist es vielmehr nicht sinnvoll, sie in das vorhandene Risikomanagement zu integrieren?

März 2021

Immer mehr Investoren ist es wichtig, verantwortungsvoll zu investieren. Damit wird das Thema Nachhaltigkeit mehr und mehr zu einem wesentlichen Faktor bei Investitionsentscheidungen. Speziell bei institutionellen Anlegern zeigt sich der eindeutige Trend, ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) verstärkt ins Zentrum ihrer Allokationsentscheidungen zu stellen. Das hat mit verschärften regulatorischen Anforderungen zu tun, vor allem aber auch mit dem Bedürfnis nach erhöhter Transparenz sowie der Erkenntnis, dass ESG-Faktoren eine signifikante Rolle für die Bestimmung des Risk- und Return-Levels spielen.

„Unternehmen, die beispielsweise Bonds platzieren wollen, müssen einen Risikoaufschlag bezahlen, allein dafür, dass sie nicht nachhaltig sind.“

Marianne Ullrich

Leiterin ESG Client Solutions

Diese Sichtweise bestätigt die Finanzaufsicht BaFin im „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ ausdrücklich. Dort heißt es: „Die BaFin sieht Nachhaltigkeitsrisiken als Faktoren der bekannten Risikoarten. Eine separate Risikoart „Nachhaltigkeitsrisiken“ wird abgelehnt; eine Abgrenzung wäre kaum möglich.“

Die im Merkblatt aufgeführten Risiken betreffen folgende Aspekte: Markt(preis), Reputation, Liquidität, Haftung sowie Bewertung. Und Nachhaltigkeitsrisiken können die Wesentlichkeit dieser Risiken zum Teil stark beeinflussen. Beispiel H&M: Der Modekonzern will Hunderte von Mitarbeitern kündigen, betroffen seien laut Medienberichten vor allem Mütter in Elternzeit, weil sie oftmals nicht abends und samstags arbeiten könnten. Zwar wurde dies vom Unternehmen umgehend dementiert, aber der Aufschrei in der Öffentlichkeit ist dennoch groß. Die vermeintliche Nichtberücksichtigung des „S“ in ESG sorgt hier für einen nicht unerheblichen Reputationsschaden.

Das Beispiel zeigt, dass kein Unternehmen und kein Emittent künftig mehr das Thema Nachhaltigkeit ignorieren kann. „Unternehmen, die beispielsweise Bonds platzieren wollen, müssen einen Risikoaufschlag bezahlen, allein dafür, dass sie nicht nachhaltig sind“, betont Ullrich.

Auswirkungen auf das operative Geschäft.

ESG-bezogene Aspekte sind für das Portfoliomanagement zudem hilfreich, um zu erkennen, wie nachhaltig und zukunftsfähig ein Unternehmen oder ein Staat aufgestellt ist. Wie wird mit Energie und anderen Ressourcen umgegangen? Wie verhält sich ein Unternehmen gegenüber seinen Mitarbeitern? Und wie ist die Unternehmensführung aufgestellt? Denn Risiken im Bereich ESG können Auswirkungen auf das operative Geschäft, den Unternehmenswert und nicht zuletzt auf den Aktien- oder Anleihekurs haben.

Für das Portfoliomanagement bedeutet dies: Alle Risiken haben jetzt eine ESG-Komponente, die entsprechend betrachtet werden muss. Die klassische Fundamentalanalyse wird somit um finanziell relevante Nachhaltigkeitsrisken erweitert. Dafür gibt es verschiedene Ansätze. „Einmal durch die Integration der ESG-Faktoren in den Investmentprozess, um dann zu besseren Entscheidungen über das Unternehmen oder den Emittenten zu kommen“, berichtet Ullrich. Oder anhand von schlechten ESG-Ratings, mit deren Hilfe Titel von vornherein ausgeschlossen werden. „Auch das ist eine Möglichkeit, Risikomanagement zu betreiben – unabhängig von Sektor und Unternehmen“, sagt die Deka-Expertin.

Klar ist: Das nachhaltige Risikomanagement ist ein nicht mehr wegzudenkender Baustein im Portfoliomanagement.

„Es geht darum, durch die ESG-Integration im Vorfeld Unternehmen zu identifizieren, die beispielsweise Mängel im Bereich Umweltpolitik aufweisen, um Extremrisiken vielleicht reduzieren zu können – wenn man sie schon nicht vermeiden kann.“

Patrick Jahnke

Portfoliomanager.

DCF-Modell als Werkzeug.

Einheitliche Bewertungskriterien sind dabei entscheidend. So nutzt das Deka-Portfoliomanagement in erster Linie das Discounted-Cashflow-Modell, kurz DCF. Es wird herangezogen, um den aktuellen Wert einer Aktie beziehungsweise eines Unternehmens zu bestimmen. Dabei wird der erwartete, zukünftige Wert ins Verhältnis zu Zins und Zeit gesetzt. Im Fokus stehen dabei drei Kriterien: Umsatzwachstum, Marge und Finanzierungskosten.

Diese drei Kriterien besitzen laut dem Deka-Portfoliomanager Patrick Jahnke eine enge Verbindung zu ESG und lassen sich entsprechend gut miteinander verknüpfen. So gibt es häufig einen engen Zusammenhang zwischen der Reputation des Unternehmens und dem Umsatzwachstum beziehungsweise -potenzial. So kann ein schlechter Ruf beispielweise zu Umsatzeinbußen führen. Die Marge kann positiv vom Ressourcenmanagement beeinflusst werden. „Wer weniger Wasser oder Energie verbraucht, hat auch geringere Kosten. Ein hoher Energieverbrauch wiederum verursacht oftmals hohe Emissionen und dadurch ein wirtschaftliches Problem, wenn die Preise für die CO2-Zertifikte steigen“, erläutert Jahnke. Letztlich sind die Finanzierungskosten unter anderem abhängig von der Corporate Governance.

Auch im Anleihebereich ist das Erkennen der ESG-Risiken sinnvoll. Es hilft schlechte Schuldner zu eliminieren und hier Risiken zu vermeiden. „Wir beobachten im Portfoliomanagement, dass Nachhaltigkeit gewisse Trends in der Gesellschaft aufgreift. Und als nachhaltiger Investor kann man Unternehmen bei der Transformation begleiten“, sagt Jahnke.

Um Nachhaltigkeitsrisiken zu verringern, suchen die Deka-Experten aber auch den konstruktiven Dialog mit den Emittenten, in die investiert wird. Dadurch soll aktiv Einfluss auf die Unternehmen in Bezug auf Chancen und Risiken genommen werden, die in Verbindung mit ESG-Faktoren stehen können.

Schwerpunkt liegt (noch) auf Klimaschutz.

Auch wenn die Risiken alle drei Buchstaben von ESG betreffen: Laut der Deka-Experten liege der Schwerpunkt nach wie vor auf dem E, also Environment. Das hat regulatorische Gründe, schließlich fokussiert sich die Taxonomie-Verordnung der Europäischen Kommission im ersten Schritt vor allem auf den Klimaschutz durch eine nachhaltige Reduktion des CO2-Ausstoßes. Auch die Bundesregierung und die Europäische Union legen mit ihren milliardenschweren Förderprogrammen einen klaren Schwerpunkt auf den Klimaschutz. „Außerdem ist in diesem Bereich auch die Messbarkeit deutlich einfacher als bei sozialen oder Governance-Themen“, sagt Ullrich.

Die stärkere Berücksichtigung ESG-relevanter Fragestellungen innerhalb des Investmentprozesses kann also dabei helfen, das Rendite-Risiko-Profil der Portfolios zu verbessern. Gleichzeitig wird ein nachhaltiger Fokus zur regulatorischen Mindestanforderung gelegt. Die Deka wird deshalb die Integration von ESG-Kriterien in die Analysen und Anlageentscheidungen der Portfoliomanagement-Teams weiter vertiefen und entsprechende Prozesse kontinuierlich weiterentwickeln.