Impuls

„Globalisierung 2.0 ehrlich bilanzieren"

Die globale Arbeitsteilung steckt in der Krise. Thieß Petersen von der Bertelsmann-Stiftung erklärt im Interview, wie Politik, Unternehmen, aber auch private Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Herausforderung reagieren sollten – und wie eine Globalisierung 2.0 aussehen könnte.

Dezember 2021

Interview mit Thieß Petersen von der Bertelsmann-Stiftung.


Herr Petersen, Corona-Folgen, unterbrochene Lieferketten, Abkehr vom Freihandel: Der Glaube an die Kraft der Globalisierung ist in weiten Teilen von Öffentlichkeit und Politik stark erschüttert. Bei Ihnen auch?

Das Streben danach, just in time aus der ganzen Welt immer zum günstigsten Preis beliefert zu werden, hat möglicherweise die Globalisierung überdreht. Aber: Die Unternehmen sind jetzt gerade dabei, ihre Lieferketten zu überarbeiten und die globalisierte Arbeitsteilung neu aufzustellen.

Warum konnte es denn überhaupt zu so starken Störungen in der weltweiten Wertschöpfung kommen?

Krisen hat es auch zuvor immer mal wieder gegeben. Denken Sie nur an die Folgen des Tsunami wie die monatelangen Störungen der Lieferketten. Aber erstens ist die Corona-Krise schon einmalig, weil sie so lange anhält und dementsprechend auch langfristige Folgen hat – so stehen auch heute noch Hunderttausende Container in den falschen Häfen der Welt. Zweitens haben uns auch Handelskonflikte lange Jahre beschäftigt. Nach der Ära Donald Trump gibt es hier aber eine gewisse Entspannung. Ich denke etwa daran, dass gerade erst zwischen der EU und den USA ein Ende der Zölle auf Stahl und Aluminium und der daraufhin verhängten Vergeltungszölle beschlossen wurde. Ein dritter Grund für die kritische Betrachtung der Globalisierung liegt darin, dass dadurch natürlich der Lohndruck in entwickelten Industriegesellschaften zugenommen hat. Und wenn Lohn oder Gehalt in Gefahr scheinen, gerät angesichts dessen der Vorteil günstiger Preise bei importierten Waren schnell in Vergessenheit.

Befürchten Sie eine Eigendynamik dieser drei Trends, die die Globalisierung ganz abwürgen könnte?

Die Eigendynamik sehe ich aktuell eher so: Die ungehinderten Warenströme sind gestört. Darum gehen nun massiv Preisvorteile verloren – und die höheren Preise treiben gerade unter anderem kräftig die Inflation voran. Aber wie gesagt, die Unternehmen reagieren ja auf die grundlegenden Störungen.

Wie denn?

Etwa dadurch, dass sie die Digitalisierung ihrer Prozesse deutlich vorantreiben. Damit tragen sie einen Produktivitätsvorteil in die digitale Welt – und geben ihn an die Kunden weiter. Gleichzeitig holen sie auch Arbeitsschritte in die Märkte zurück, in denen die Produkte verkauft werden, „reshoring“ genannt. Durch dieses Zusammenrücken von Produktion und Verbrauch nimmt der grenzüberschreitende Güterhandel ab. Allerdings nicht ersatzlos: An seine Stelle treten grenzüberschreitende Kapitalströme in Form von ausländischen Direktinvestitionen und ein wachsender Handel mit Dienstleistungen. Dazu kommt: Technische Innovationen wie der 3-D-Druck können solche Entwicklungen noch erheblich verstärken, wenn sie in naher Zukunft für die Massenproduktion eingesetzt werden. Das relativiert Produktionskostennachteile klassischer Industrienationen.

Klingt sehr theoretisch, diese neue Arbeitsteilung.

Mag sein, aber das ist wirklich keine Science-Fiction. Bei teuren Ersatzteilen für Flugzeugturbinen wird zum Beispiel schon der 3-D-Druck eingesetzt. Da werden Baupläne digital aus dem Design-Zentrum in Deutschland an den Drucker in Asien übertragen. Und der Flugzeugtechniker, der den Einbau erklärt, macht das per Videoschalte aus einem Hangar in Kalifornien. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden das globale Arbeiten bald überall erheblich günstiger und schneller machen. Auch durch automatische Simultanübersetzungsprogramme. Die sorgen dafür, dass der grenzüberschreitende Handel wesentlich effizienter, einfacher und billiger wird. Das schafft ganz neue Möglichkeiten, Services digital vernetzt global anzubieten.

Eines Ihrer Spezialthemen ist der demografische Wandel. Sind die alternden Gesellschaften Europas, Japans oder der USA eigentlich im internationalen Maßstab in den kommenden Jahrzehnten noch konkurrenzfähig?

Eine Globalisierung 2.0 kann dabei in jedem Fall helfen. Wir können etwa arbeitsintensive Tätigkeiten dorthin auslagern, wo es genug Menschen gibt. Die könnten dann sogar digital vernetzt hochautomatisierte Produktionsprozesse hierzulande steuern. Dadurch gleichen sich im Übrigen in der Konsequenz die Lohnniveaus an – im Idealfall durch steigende Löhne dort, wo mehr qualifiziertes Personal zu finden ist.

Das kann ja sogar bei uns positive Effekte haben. Google etwa sucht derzeit Software-Entwickler in Deutschland, weil die nur halb so viel kosten wie im Silicon Valley.

Exakt – da ist die Globalisierung 2.0 schon am Werk. Die Welt ist eben keine Einbahnstraße. Das gilt auch für die Nachfrage nach und das Angebot von menschlichem Know-how. Deutsche Firmen profitieren durch ihre starke Präsenz im Ausland ja auch schon lange davon.

Die exportstarke deutsche Wirtschaft ist aber natürlich auch besonders anfällig bei allen Störungen der weltweiten Arbeitsteilung.

Stimmt. Unser hoher Exportüberschuss ist auch eine Achillesferse der deutschen Wirtschaft. Andere Länder setzen stärker auf die Inlandsnachfrage. Aber da sehe ich auch in Deutschland positive Entwicklungen.

Zum Beispiel?

Indem die alte und die künftige neue Bundesregierung aktiv versuchen, Zukunftstechnologien hier im eigenen Land zu fördern und anzusiedeln. Ich denke an die Subventionen für Elektromobilität und die Entwicklung von Batteriemodulen, digitale Services oder die Energieerzeugung. Es muss dabei allerdings immer klar sein, dass 90 Prozent aller Investitionen von privaten Unternehmen getätigt werden. Der Staat kann hier nur unterstützend und lenkend eingreifen. Die Unternehmen müssen am Ende auch immer ein Eigeninteresse daran haben, die Transformation voranzutreiben. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa der Handel mit Emissionsrechten.

Können private Verbraucher dazu beitragen?

Ja, zum Beispiel, indem sie nachhaltigkeitsorientierte Fonds erwerben. Unternehmen, die hier vorangehen, werden ja auch in einer globalisierten Welt größere Zukunftschancen haben. Wertpapiersparer und -sparerinnen sind damit sogar Pioniere für eine neue Stufe der Globalisierung, in der es noch um weit mehr als freien Warenhandel über Grenzen hinweg geht. Wesentlich wird es für den Erfolg sein, dass auch Wissen und Kapital noch stärker rund um die Welt verfügbar sind. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, von der Globalisierung zu profitieren. Für alle Menschen.

Haben Sie dafür auch ein Beispiel?

Ja. Die ganze Welt ist daran interessiert, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Hierbei kann der freie Fluss von Wissen und Kapital erheblich helfen: Nehmen Sie etwa ein deutsches Unternehmen, das seinen CO2-Ausstoß verringern möchte. Es kann dazu beispielsweise eine Windkraftanlage in einem Tochterbetrieb in Indien finanzieren. So lassen sich jedes Jahr Zehntausende Tonnen weniger CO2 ausstoßen – und das zu geringeren Kosten als bei einer entsprechenden Investition am deutschen Stammsitz. Diese Verbesserung des Umweltschutzes nützt also dem Unternehmen selbst, dem weltweiten Klima und auch dem Schwellenland Indien, wo dadurch neues Know-how beim Umweltschutz verfügbar wird. Weil Klimaschutz zudem auf den Unternehmenswert einzahlt, profitieren mittelbar auch Anlegerinnen und Anleger.

Bio-Äpfel aus Neuseeland, Solarzellen aus China – vieles davon noch per Schweröl-Schiff zu uns gebracht. Passt das zusammen, nachhaltiges Wirtschaften und Globalisierung?

Das muss kein Widerspruch sein. Aber in der Globalisierung 2.0 passt es nur dann, wenn negative externe Effekte ehrlich hereingerechnet werden.

Also etwa die ökonomischen und ökologischen Kosten des Transportes?

Genau. Das ist aber im Übrigen auch ein klassischer Grundsatz der sozialen Marktwirtschaft. Die bisherige internationale Arbeitsteilung hat zwei zentrale Kostenelemente unterschätzt oder gar ignoriert: die Kosten einer unvorhergesehenen Unterbrechung der globalen Lieferketten und die sozialen und ökologischen Kosten von Treibhausgasemissionen.

Wenn das alles mit eingerechnet wird, dann wird die Globalisierung 2.0 ganz schön teuer, oder?

Es ist umgekehrt: Wenn wir diese Kosten nicht mit einrechnen, dann wird es richtig teuer. Wir sehen das ja jetzt schon durch die verstärkten Wetterphänomene wie Dürren oder Überschwemmungen. Da werden die Kosten für die globale Wirtschaft und die Gesellschaften langfristig höher, wenn wir nicht gegensteuern.

Erwarten Sie sich von der neuen Bundesregierung einen Schub für mehr Zukunftsfähigkeit in einer global konkurrierenden Welt?

Das wäre sehr wünschenswert, denn der Handlungsdruck wird immer größer. Unsere Globalisierungserfolge durch importierte Vorleistungen reichen nicht mehr, um weiter eine Führungsposition einzunehmen. Deutschland muss auch mehr dafür tun, bei Daten und Kapital konkurrenzfähiger zu werden. Wir brauchen zum Beispiel globale Plattformen für digitale Geschäfte, wie sie in den USA oder in Asien existieren. Bei den Umwelttechnologien sind wir da im globalen Maßstab schon besser aufgestellt.

Da entsteht ja mit dem kompletten Umbau auf erneuerbare Energien bei uns praktisch ein gigantischer Showroom für Interessenten aus aller Welt.

Ja, stimmt. Wenn dieser Umbau wie geplant gelingt, haben deutsche Unternehmen wirklich einiges vorzuzeigen. Das könnte ein Exportschlager in der Globalisierung 2.0 werden.

Dr. Thieß Petersen ist bei der Bertelsmann-Stiftung konzentriert auf Fragen der Globalisierung und des demografischen Wandels, auf wirtschaftliche Aspekte der Digitalisierung und auf das Thema „Green Growth" im Rahmen des Projektes Global Economic Dynamics. Dabei soll es ja darum gehen, wie Deutschland erfolgreich bleibt, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit zu gefährden. Petersen ist auch Lehrbeauftragter an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).