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Stiftungen und ihre Anlagen
Langsam wächst die Bereitschaft für Nachhaltigkeit

Es liegt auf der Hand, dass kirchennahe Stiftungen auf Nachhal­tigkeit achten. Aber wie investiert der große Rest der Stiftungen in Deutschland? Peter Anders vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft berät viele gemeinnützige Organisationen – auch in Fragen der Vermögensverwaltung. Im Gespräch mit Weert Diekmann, der für die DekaBank Stiftungen betreut, diskutiert er über den Anlagenotstand und aufkommende Tendenzen zu mehr Nachhaltigkeit.


Die Deka im Gespräch mit Peter Anders,
Deutsches Stiftungszentrum, und
Weert Diekmann, Deka Institutionell


 

 

Herr Anders, Sie sprechen mit vielen kleinen und mittelgroßen Stiftungen über die Anlage ihres Vermögens. Wie wichtig ist da das Thema Nachhaltigkeit?

ANDERS Es ist überraschend, wie wenig wir von Stiftungen darauf angesprochen werden. In der öffentlichen Wahrnehmung verbindet man Stiftungen ja oft mit gemeinnützigen und mildtätigen Zwecken, da liegt die Orientierung an nachhaltigen Prinzipien sehr nahe. Wir als Stiftungszentrum betreuen eine große Bandbreite an Einrichtungen, deren Vermögen meist zwischen einer und zehn Millionen Euro liegt. Diese Stiftungen sind alle gemeinnützig; gefördert werden ganz unterschiedliche Bereiche wie Wissenschaft, vor allem Medizin, Kunst, Kultur, Bildung. Hier kann ich aus Erfahrung sagen, dass Nachhaltigkeit in der Anlagestrategie meist keine Rolle spielt.

Nachhaltig geführte Unternehmen sind gerade für den langfristig ausgerichteten Investor – und eine Stiftung ist auf die Ewigkeit angelegt – eine ideale Investitionsgrundlage.

Peter Anders

Geschäftsleitung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft
Geschäftsführer des Deutschen Stiftungszentrums

Woran liegt das?

ANDERS Da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Es schwebt natürlich noch immer der Makel über der Nachhaltigkeit, dadurch gehe Performance verloren – auch wenn es inzwischen genügend Studien gibt, die Gegen­teiliges beweisen. Oft sind es aber auch ganz praktische Hindernisse. Ich weiß von einigen Stiftungen, die gerne mehr auf Nachhaltigkeit setzen würden, aber nicht die richtigen Produkte dafür finden. Grundsätzlich glaube ich schon, dass es eine wachsende Bereitschaft für Nachhaltigkeit gibt. Aber der Druck ist noch zu gering.

 

DIEKMANN Das Umfeld für eine Veränderung ist derzeit aber günstig. Viele kleine und mittelgroße Stiftungen haben in den letzten 20 Jahren ausschließlich in Bundes-an­leihen investiert, weil die dort erzielten Erträge zur Erfüllung des Stiftungszwecks einfach gereicht haben. Heute gibt es für diese Anleihen null Zinsen, und alle sind auf der Suche nach Alternativen. In dieser Situation kommt Nachhaltigkeit stärker in den Vordergrund.

 

Peter Anders

 

ANDERS Das kann ich nur bestätigen. Wir hatten noch nie so viele Anfragen wie im vergangenen Jahr. Man muss wissen, dass viele Stiftungen von ehrenamtlichen Geschäftsführern geleitet werden, die sich auch um die Vermögensanlage kümmern. Das ist eine schwierige Herausforderung geworden, weil sie ja irgendwo Erträge herholen müssen. Oft geht das mit mehr Risiko einher. Dann sind die Geschäftsführer im Zweifelsfall aber auch in der Verantwortung und belangbar. Deshalb wollen sie sich absichern und suchen stärker als bislang einen Berater, kommen vermehrt auch zu uns.

 

Weil sie sich durch eine ausgefeilte Anlagestrategie mehr Rendite versprechen?

ANDERS Ja. Und weil sie ihr Vermögen absichern wollen. 80 Prozent des Vermögens, das Stiftungen bei uns anlegen, gehen in Wertsicherungsmodelle. Indem wir die Anlageinteressen mehrerer Stiftungen bündeln, schaffen wir Größenordnungen, die diversifizierte und globale Investments über einen Spezialfonds möglich machen. Das ist für viele ein wichtiges Argument, denn die Standardfonds für Stiftungen, wie sie am Markt zu finden sind, decken nicht immer den konkreten Bedarf.

 

 

Weert Diekmann

 

In der Praxis ist es wahrscheinlich schwierig, die Interessen unter­schiedlicher Stiftungen auf einen Nenner zu bringen …

ANDERS Das kommt darauf an. Wenn es um die grundlegenden Fragen geht – wo wird investiert, Euroraum oder global, oder in was wird investiert, nur Renten oder auch andere Assetklassen – lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten finden. Wenn es um die Auswahl des passenden Managers geht, arbeiten wir nach ganz klaren Prinzipien, die auch für die Stiftung gut nachvollziehbar sind. Schwieriger wird es allerdings bei eher individuellen Fragestellungen. Und dazu gehört Nachhaltigkeit. Fragen Sie fünf Leute, was sie darunter verstehen, und sie bekommen fünf unterschiedliche Antworten.

 

Ist Nachhaltigkeit also kein Thema, weil es auch für Sie in der Umsetzung einfach zu kompliziert ist?

ANDERS Nein. Sie finden in mir einen Verfechter von Nachhaltigkeit. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Unternehmen, die nachhaltig geführt werden, einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft und die Erhaltung unserer Umwelt leisten können. Sie sind gerade für den langfristig ausgerichteten Investor – und eine Stiftung ist auf die Ewigkeit angelegt – ein ideales Investitionsobjekt, weil sich nachhaltige Geschäftsmodelle auf lange Sicht besonders bewähren können.

 

DIEKMANN Es kommt noch ein Punkt hinzu, den wir bei größeren Stiftungen schon beobachten: Auch deren Geschäftsführer oder Vorstände wollen Reputationsrisiken für ihre Organisation vermeiden. Das ist bei kirchlichen und mildtätigen Stiftungen enorm wichtig, bei anderen wird inzwischen aber auch viel stärker darauf geachtet.

Viele Stiftungen sind auf der Suche nach Alternativen zur zinslosen Anleihe. Hier kommt Nachhaltigkeit dann stärker in den Vordergrund.

Weert Diekmann

Kompetenzteam Gemeinnützige Institutionen
Deka Institutionell

Also gibt es valide Gründe dafür, in der Anlagestrategie stärker auf Nachhaltigkeit zu setzen?

ANDERS Die gibt es. Wichtig scheint mir aber: Es ist oftmals die individuelle Überzeugung, die zu mehr Interesse an nachhaltigen Geldanlagen führt. Weniger wichtig ist der Performanceaspekt oder der Druck, der von außen kommt – zumindest ist das im Moment noch meine Beobachtung. Und wenn wir mit einem Stiftungsleiter darüber sprechen, wie er die entsprechenden Vorstellungen von Nachhaltigkeit am besten in ein Portfolio übertragen kann, dann finden wir hierfür auch heute schon sehr gute Lösungen. Beispielsweise haben wir gemeinsam mit der Deka einen Fonds entwickelt, dessen grundlegende Ausrichtung und Auswahlkriterien sehr gut auf den Bedarf vieler kleiner Stiftungen passen.

 

DIEKMANN Man muss natürlich ein bisschen darauf achten, bei der Festlegung von Ausschlusskriterien nicht allzu dogmatisch vorzugehen. Wir sind alle gegen die Todesstrafe. Wenn die Konsequenz lautet, nicht mehr in den US-Dollar zu investieren, wird es für eine globale Anlagestrategie aber schwierig. Wir wollen alle keine Waffen im Portfolio. Ob wir deshalb keine Daimler-Aktie kaufen, weil deren Unimogs nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch im Krieg eingesetzt werden, muss man entscheiden. Große Stiftungen, die in Sachen Nachhaltigkeit Benchmarks setzen, arbeiten in solchen Fällen mit den etwas pragmatischeren Fünf-Prozent-Regeln.

 

Was genau ist damit gemeint?

DIEKMANN Ein Unternehmen darf nicht mehr als fünf Prozent des Umsatzes in einem solchen Geschäftsfeld erwirtschaften. Es gibt daneben auch Themen, die sind immer und für alle tabu: Tretminen oder Streubomben sind hier Beispiele. Da wird auch in klassischen Fonds nicht investiert.

 

Welchen Impuls braucht es für mehr Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage?ANDERS Ich glaube, große Veränderungen werden eher im Kleinen stattfinden, bei jedem Einzelnen. Wir sehen ja heute schon, wie sich Einstellungen in den jüngeren Generationen verschieben. Für viele gehört Nachhaltigkeit einfach dazu, im täglichen Leben, bei der Arbeit und letztlich auch bei der Kapitalanlage. Da geht es dann eher um Work-Life-Balance als um die schicke Büroausstattung oder den Dienstwagen. Aus solchen Impulsen können gesellschaftliche Trends entstehen. Aber wir sind noch in einem frühen Stadium dieser Entwicklung. Ich würde mir natürlich mehr Dynamik wünschen. Bei manchen Themen sehen wir dies ja schon. Bei den erneuerbaren Energien zum Beispiel oder dem Interesse an In­vestitionen in Wald.

DIEKMANN Beides sind wichtige Anlagethemen, für die es sehr viel Expertise braucht. Ich nehme das Beispiel erneuerbare Energien. Da wurden viele Investoren bitter enttäuscht, weil sie in Geschäftsmodelle oder Anlagevehikel investiert haben, die ihnen sehr hohe Verluste eingebracht haben. Das ist leider die Kehrseite. Deshalb ist es für uns als Anbieter von Nachhaltigkeitsprodukten auch so wichtig, hier die gleichen hohen Qualitätsstandards anzusetzen wie bei jedem klassischen Fondskonzept.

 

Gibt es Ansätze, die kleine Stiftungen von den großen übernehmen können?

ANDERS Wir sind regelmäßig im Gespräch mit großen Stiftungen, manche legen den Schwerpunkt auf Umwelt, andere auf den sozialen, karitativen Bereich. Selbstverständlich fragen wir, wie sie ihre Nachhaltig-keitsstrategien in den eigenen Portfolios umsetzen, und bekommen viele, ganz praktische Hinweise. Von den Erfahrungen der Großen kann die breite Masse der Kleinen profitieren – und deren Anzahl ist erheblich. Mehr als 70 Prozent der Stiftungen verwalten ein Vermögen von weniger als einer Million Euro. Letztlich sind wir ja ein Netzwerk von Gleichgesinnten, wir müssen also das Rad nicht immer wieder neu erfinden.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Juli 2015