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Nachhaltigkeitsfonds
und ihr Einfluss auf Unternehmen

Die Bewertung von multinationalen Konzernen oder großen Finanz­instituten nach Nach­haltig­keitskriterien erinnert manchmal an ein riesiges Puzzle mit 10.000 Teilen. Viele ver­schie­dene Facetten versuchen wir, zu einem Ganzen zusammenzusetzen.


Silke Stremlau
Leiterin für nachhaltiges Investment
bei der Beratungsgesellschaft imug


 

Ziel unseres umfassenden und an qualitativen und quantitativen Indikatoren ausgerichteten Bewertungsprozesses ist es, möglichst genaue Antworten auf folgende Fragen zu erhalten: Wie ­verantwort­lich geht das Unternehmen mit den natürlichen Ressourcen, mit seinen Mitarbeitern, Anwohnern, Lieferanten um? Inwieweit hat das Unternehmen soziale, ökologische und ethische Prinzipien in seine Geschäftspraktiken und auch in sein Geschäftsmodell integriert?

 

Die Kür besteht dann darin zu bewerten, ob das Unternehmen Antworten, wenn nicht gar Lösungen in Form von Dienstleistungen und Produkten für unsere globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Armut, Wasserknappheit, Energie­hunger, Artensterben, soziale Ungleichheit etc. entwickelt hat.

 


Aus dem Puzzle unternehmenseigener und unabhängiger Informationen entsteht ein aussagekräftiges Gesamtbild.


Analyse aus vielen Quellen

Um diese Fragen zu beantworten, nutzen wir als Nachhaltigkeitsanalysten eine Reihe unterschiedlicher Quellen. Das sind zum einen die Informationen, die direkt vom Unternehmen kommen, also Informationen von der Website des Unternehmens sowie Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte. Diese sollten am besten von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer geprüft worden sein. Daraus ziehen wir den (manchmal vielleicht etwas zu optimistischen) Schluss, dass die dokumentierten Zahlen und Abläufe auch wirklich so in den Unternehmen vorherrschen und nicht nur für uns Analysten aufbereitet wurden.

 

Unternehmenseigene Informationen reichen aber alleine nicht aus, um das Puzzle zu einem gesamten Bild werden zu lassen. Dazu benötigen wir ebenso unabhängige, zum Teil sehr unternehmenskritische Quellen. Informationen finden sich in Medienberichten, Daten staatlicher Stellen oder Studien von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Letztere untersuchen beispielsweise die Produktionsbedingungen von Textil­­unternehmen vor Ort (z. B. das Südwind-Institut) oder haben sich auf die Bankenrecherche spezialisiert, wie z. B. banktrack oder urgewald). NGOs versorgen uns unter anderem mit Daten zu kritischen Investitionen oder Projektfinanzierungen, z. B. bei Umsiedlungen, sowie Staudammprojekten oder Hintergründen zu Beteiligungen an Rüstungsunternehmen.

Die Aufgabe unserer Nachhaltigkeitsanalysten ist es, zwischen Greenwashing-Tendenzen der Unternehmen und zum Teil schrillen NGO-Kampagnen die Balance zu halten und belastbare Fakten zu finden.

Silke Stremlau

Leiterin für nachhaltiges Investment
Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft (imug)

Die Aufgabe unserer breit ausgebildeten Nachhaltigkeitsanalysten ist es dann, zwischen Greenwashing-Tendenzen der Unternehmen auf der einen Seite und lauten, zum Teil schrillen NGO-Kampagnen auf der anderen Seite die Balance zu halten und belastbare, nachvollziehbare Fakten zu finden. Manchmal ist das ein unglaublich schweres Unterfangen! Darüber hinaus werden eine Menge fachspezifischer Daten­banken ausgewertet, z. B. über die Anwendung von Tierversuchen im Pharmabereich oder über die genauen Produkte im Rüstungsbereich. Hier geht es darum zu erfahren, über welche Beteiligungen ein Unternehmen verfügt und welche Bereiche eventuell in der Produktion oder Finanzierung von Landminen oder Streubomben tätig sind.

 

Fakt ist aber auch, dass die Unternehmen selbst eine wichtige Informationsquelle für die Nachhaltigkeits­ratings sind. Schließlich weiß oftmals das Unternehmen selbst am besten über alle Programme, Ziele und Vorhaben Bescheid. Glaubwürdig wird ein Unternehmen bzw. ein Nachhaltigkeitsbericht für uns dann, wenn er neben allem Erreichten und Positiven auch klar die noch vorhandenen Defizite beschreibt und auch transparent macht, welche Gründe es für Zielverfehlungen gab. Wir wollen keine grün eingefärbte Unternehmenswelt. Wir wollen ehrliche Berichterstattung und die Wahrheit herausfinden. Und die ist bekanntlich vielfältig.

 

Direkter Kontakt zum Unternehmen

Neben der Auswertung von unternehmenseigenen Informationen sprechen wir auch direkt mit Unternehmensvertretern, z. B. aus dem Nachhaltigkeitsmanagement, dem Vorstandsstab und oftmals auch mit Vertretern von Investor Relations. Dies hat neben der Nutzung der primären Datenquelle für uns noch einen weiteren Effekt: Nachhaltigkeitsratings fungieren als Intermediäre zwischen den Investoren auf dem Finanzmarkt und den Unternehmen. Nachhaltigkeitsratings sind dadurch ein Treiber für die nachhaltige Ausrichtung in den Konzernen. Wir bündeln die Ansprüche nachhaltig ausgerichteter Investoren und konfrontieren Unternehmen mit Fragen und Erwartungen, die dann im besten Fall Verbesserungsprozesse in den Konzernen in Gang setzen. Gepaart mit dem Engagement institutioneller Investoren, etwa einem Dialog mit dem Vorstand hinter verschlossenen Türen über die Defizite in der Nachhaltigkeitsperformance, setzt dies oftmals positive Veränderungen in Gang.

 

 

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Neue Balance – am Markt haben sich vielfältige Konzepte
für nachhaltige Fonds etabliert.


 

 

Nutzer der Nachhaltigkeitsratings sind sowohl institutionelle Investoren als auch Banken und Fondsgesellschaften, die auf der Basis dieser Ratings nachhaltige Fonds auflegen, so z. B. die Deka mit verschiedenen Fonds in unterschiedlichen Asset­klassen. Bei den Fonds im deutschsprachigen Raum haben sich drei Formen durchgesetzt:

 

  • Klassische Best-in-Class-Fonds, die keine Branche per se ausschließen und immer nur in die aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten besten einer Branche investieren. Dieser Ansatz hat vor allem bei den Großunternehmen, die beispielsweise im DAX gelistet sind, einen regelrechten Wettbewerb ausgelöst, je-weils zu den Besten ihrer Branche zu gehören. Bei Privatanlegern herrscht allerdings bisweilen Verwunderung, wenn bekannte Ölunternehmen in solchen nachhaltigen Best-in-Class-Fonds auftauchen, weil die Ölbranche in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu den nachhaltigsten Branchen zählt. Hier ist Übersetzungsarbeit der Fondsgesellschaften und Ratingagenturen gefragt.
  • Ethische Fonds: die älteste Form der ethisch-ökologischen Fonds, die primär über Ausschlusskriterien agieren und aus ethischen Gründen bestimmte Branchen aus ihren Investments ausschließen, wie z. B. Tabak- oder Rüstungskonzerne, aber auch Unternehmen, die die Menschenrechte systematisch verletzen. Diese Form des ethischen Investments hat ihren Ursprung im kirchlichen Bereich und wird mit Werten und einer klaren Überzeugung begründet, an bestimmten kontroversen Wirtschaftspraktiken nicht beteiligt sein zu wollen und vor allem an ihnen nicht finanziell zu partizipieren.
  • Mischformen, also Fonds, die zwar auch Ausschlusskriterien haben, aber danach vor allem über Positivkriterien und damit über formulierte Mindeststandards in Sachen Umwelt-, Risiko-, Stakeholdermanagement operieren.

Ging es in den Anfangsjahren des ethischen oder nachhaltigen Investments vor allem darum, in bestimmten „unethischen“ Branchen nicht investiert zu sein, so kommt in den letzten zwei Jahren verstärkt die Debatte um die Wirkung nachhaltiger Investments auf, der sich auch die klassischen Nachhaltigkeitsfonds auf Dauer nicht verschließen können. Nachhaltiges Investment verfolgt neben Renditezielen und Risikominimierung eine klare Absicht: die Lenkungswirkung des Geldes hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise. Und damit müssen zum einen die be-werteten Unternehmen mehr denn je belegen, welchen Beitrag sie zur Lösung der Menschheitsprobleme leisten, zum anderen aber auch die Banken und Fondsgesellschaften darlegen, was ihre Investments bewirken. Das ist bei kleinen, singulären Themen noch relativ einfach: Der CO2-Fußabdruck eines Produktes lässt sich mittlerweile relativ einfach berechnen, auch wenn dies leider noch viel zu wenig Unternehmen tun und daraus Schlüsse für ihre Beschaffung und Produktion ableiten. Aber der noch einfach zu berechnende CO2-Fußabdruck ist nur eine Kennzahl bei den nachhaltigkeitsrelevanten Themen. Offen bleibt, wie der Flächenverbrauch, die Chemikalienintensität, der generelle Ressourcen-verbrauch oder auch die Wirkung des Unternehmens auf die lokale Infrastruktur, eine Verbesserung der Bildungschancen oder eine gerechtere Wirtschaftsstruktur gemessen werden kann.

 

Hier steht die Debatte noch ganz am Anfang, aber sie wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren an Fahrt aufnehmen und die Welt der Nachhaltigkeitsratings verändern.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Juli 2015