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Risikokontrolle mit Methode
Wie Extremsportler und Anlageexperten Gefahren beherrschbar machen

Bei der Bewertung von Risiken kommen verschiedene Werkzeuge zum Einsatz – von der systematischen Analyse messbarer Informationen bis zu theoretischen Modellen aus wissenschaftlichen Disziplinen. Bei der Vermögensanlage liegt das Geheimnis in der Kombination.

Wenn Apnoe-Taucher den Rausch der Tiefe ohne Sauer­stoffgerät suchen, kommt es entscheidend auf die Vorbereitung an. William Trubridge, der aktuelle Rekord­halter im Tief­tauchen ohne Sauer­stoff­gerät und Flossen, setzt vor jedem Tauchgang auf eine intensive Konzentrations­phase. Nur wenn alles stimmt, sind Tiefen jenseits von 100 Metern und Atem­pausen von acht Minuten und mehr möglich. Erst im vergangenen Sommer verbesserte der Neusee­länder seinen eigenen Rekord auf 124 Meter. Neben mentaler Stärke benötigen Apnoe-Taucher auch entsprechende körperliche Voraussetzungen. Außer der Fähigkeit, die Luft dank spezieller Atem­techniken möglichst lange anhalten zu können, sind unter Wasser auch Kniffe nötig, um dem enormen Wasser­druck Stand zu halten – in der Tiefe steigt der Druck je zehn Meter um ein Bar. Dies führt zu Schmerzen in Trommelfell, Stirnhöhle und Lungen. Bereits ab dreißig Metern schrumpfen die Atemorgane auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Größe. Mit jedem weiteren Meter nach unten steigen für Freitaucher die Risiken: Der Atemreflex wird stärker und der steigende Kohlen­stoff­dioxid-Gehalt im Blut erhöht die Gefahr einer plötzlichen Ohnmacht. Außerdem droht der so genannte Tiefenrausch: Der große Wasserdruck beeinflusst neurologische Vorgänge im Körper und kann dazu führen, dass Taucher sich selbst überschätzen und Warn­signale ihres Körpers nicht mehr wahrnehmen. Kommt es in Tiefen von mehr als 100 Metern zur Ohnmacht, besteht unmittelbare Lebens­gefahr. Doch trotz der offensicht­lichen Risiken sind Unfälle beim Apnoe-Tauchen selten. Woran liegt das?

Risiko lässt sich quantifizieren.

Prof. Dr. Ortwin Renn

Emotionen beeinflussen Risikowahrnehmung

Für Prof. Dr. Ortwin Renn, Soziologe und Volkswirt, der am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam systemische Risiken untersucht, sind Menschen wie William Trubridge keine Hasardeure: „Risiko lässt sich quantifizieren. Die wichtigsten Faktoren sind Wahrscheinlichkeit und Ausmaß“, so Renn. Damit ist gemeint, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Ereignis eintritt und wie konkret die Folgen sein werden. „Die Frage ist, welchen Faktor wir stärker gewichten. Die eigene Expertise kann beide Faktoren maßgeblich beeinflussen“, erklärt Renn. Dennoch sieht der Forscher beim Umgang mit Risiken auch Fallstricke. Menschen neigten dazu, bestimmte Risiken trotz einer ähnlichen Wahrscheinlichkeit unterschiedlich zu gewichten. Das habe emotionale Gründe: „Die Gefahr, Opfer eines Terror­anschlags zu werden, ist gemittelt auf Sicht von zehn Jahren geringer, als vom Blitz getroffen zu werden. Während Ersteres Menschen jedoch stark aufwühlt, verbuchen wir das zweite Risiko eher in der Kategorie ‚Pech gehabt‘. Aus diesem Grund wiegt die Sorge vor einem Terror­anschlag stärker“, weiß der Professor.

 

Risiken nicht ausblenden

Zwar lassen sich solche Emotionen nicht gänzlich unterdrücken, doch hilft objektive Information dabei, Risiken realistisch zu bewerten. Renn nennt Flugangst als Beispiel: Obwohl viele Menschen unter Flugangst leiden, zeigten Unters­uchungen, dass die wenigsten Betroffenen auf Flüge verzichteten. Die Angst vorm Fliegen wird kontrolliert. „Sobald Informa­tionen vollständig und in sich schlüssig sind, tragen sie dazu bei, Emotionen zu steuern und Risiken realistisch einzu­schätzen“, betont Renn. Ähnlich gehen auch Extremsportler vor, die ihren Rekordversuchen oft monatelange Planungsphasen voranstellen und in akribischer Kleinarbeit Risikofaktoren minimieren. Im Bereich der professionellen Kapitalanlage haben Simulationen während der vergangenen Jahre an Bedeutung gewonnen. Matthias Schillai, Leiter Asset Servicing Kunden- und Mandatsbetreuung bei der Deka, hält die Betrachtung des Risikos anhand realistischer Marktsituationen für eine große Hilfe für Investoren: „Unsere Kunden können in einem inter­aktiven Tool mit wenigen Klicks simulieren, wie sich das Portfolio als Ganzes in bestimmten Marktphasen verhalten wird. Dabei können sowohl neue Szenarien als auch historische Markt­phasen, wie beispielsweise die Finanzkrise, abgebildet werden“, erklärt Schillai.

Methoden der Risikokontrolle
Verschiedene Blickwinkel kombinieren

 

Value-at-Risk nicht überbewerten

Dennoch sind Informationen kein Allheil­mittel im Umgang mit Risiken. Insbesondere komplexe Situationen können selbst mit umfassenden Informationen nicht treffend beschrieben werden. „Die Erfahrungen der Finanzkrise haben gezeigt, dass Risiko­modelle an ihre Grenzen stoßen. Zwar funktioniert Value-at-Risk gut, jedoch war der Ansatz 2007 nicht ausreichend, um der komplexen Realität gerecht zu werden“, konstatiert Renn. „Die Berechnungen innerhalb statistischer Modelle werden in dem Maße ungenau, wie auch die Schätz­werte ungenau sind, mit denen man das jeweilige Modell füttert“, so der Professor weiter. „Dennoch sehen wir am Ende eindeutige Ergebnisse inklusive Nachkommastellen. Dies kann zu einer Sicherheitsillusion führen.“ Um dieser Illusion zu begegnen, rät Renn dazu, statistische Modelle und Risiko­einschätzungen innerhalb der Finanzwissen­schaft mit einer Art Anwendungs­leitfaden zu versehen, um zu vermitteln, dass es immer Rest­risiken gibt. Dies könne dabei helfen, die Informationen richtig zu interpretieren. Auch Matthias Schillai erkennt die Grenzen von Value-at-Risk-Modellen und plädiert dafür, deren Aussage­kraft nicht überzubewerten. „Value-at- Risk ist zu Recht noch immer ein wichtiges Werkzeug bei der Beurteilung von Risiken. Dennoch ist uns wichtig, den gesunden Menschen­verstand nicht außen vor zu lassen. Statistische Modelle bleiben ein bedeutender Teil der Risiko­analyse, sollten aber in eine umfassende Dienst­leistung eingebettet werden“, empfiehlt Schillai.


Während Risiken beim Extrem­sport oder auch im Alltag jedoch häufig isoliert zu begreifen sind, bedingen sich komplexe Systeme wie der Finanz­markt wechsel­seitig. „Wenn am Markt eine Investitions­blase platzt, wirkt jede De-Investitions-Entscheidung auf das gesamte System zurück. Das ist dann wie bei Ansteckungs­krankheiten. In der Epidemiologie geht man beispielsweise davon aus, dass auf jede Ansteckung drei Neuan­steckungen folgen. Eine solche Entwicklung macht auch eine andere Bewertung von Risiken notwendig“, betont Renn und fordert in der Finanzwirtschaft einen stärkeren Fokus auf Gesamtrisiken. Um dies zu erreichen, müssen einzelne Entscheider bewusst neue Perspektiven einnehmen. Externe Expertise kann dabei helfen, Risiken unter neuen Aspekten zu begreifen. In einem Masterfonds der Deka funktioniert das Risiko­management auf mehreren Ebenen: Neben der Risiko­betrachtung auf Ebene der einzelnen Segmente kann ein Overlay-Manager dafür sorgen, dass das Risiko­budget des gesamten Masterfonds eingehalten wird. „Unsere Spezialisten gehen dabei maßvoll vor und legen großen Wert darauf, unerwünschte Tendenzen rechtzeitig zu erkennen, um bereits frühzeitig angemessen gegensteuern zu können“ erklärt Schillai. Als weiteren Bestandteil einer umfassenden Risiko­betrachtung sehen viele Investoren auch die Implementierung von Nachhaltigkeits­kriterien.

 

Psychologische Fallstricke für Profis

Auch Regulierung kann dazu beitragen, Risiken zu begrenzen. Während Matthias Schillai betont, dass Regulierungs­vorschriften eine Datenstruktur geschaffen hätten, die sich heute effektiv nutzen lasse, denkt der Professor in erster Linie an Einschränkungen beim Hochfrequenz­handel oder zeitweise Handels­aussetzungen während Crash-Phasen. „So könnten Marktteil­nehmer ihre Entscheidungen über längere Zeit abwägen und wären weniger stark vom allgemeinen Verkaufs­druck an den Märkten getrieben“, findet der Risiko­forscher. Dennoch gehe es bei der Betrachtung von Risiken auch um die individuelle Ebene. Obwohl die Expertise rund um mathematische Modelle innerhalb der Finanz­wirtschaft sehr groß sei, hat Renn Schwach­stellen beim Einzelnen identifiziert: „Wir neigen dazu, Risiken in Erwartung großer Chancen herunterzuspielen und den Nutzen angesichts großer Risiken kleinzureden. Dies ist ein typischer Denkf­ehler, den jeder Mensch in sich trägt und der innerhalb von Organisationen auch zu kollektiven Fehlent­scheidungen führen kann.“


Obwohl dieser Mechanismus vielen Entscheidern in Banken und Anlage­häusern bekannt sei, berge gerade deren Expertise ein zusätzliches Risiko: „Vor allem Profis sind überzeugt davon, Dinge steuern zu können und alles im Griff zu haben. Das macht anfällig für Denk­fehler“, weiß Renn und nennt dies den „Over-Confidence-Effekt“. Matthias Schillai hält dieses Phänomen für kontrollierbar: „Da wir einen klaren Auftrag unserer Kunden haben, agieren wir innerhalb eines festgelegten Rahmens. Hinzu kommt, dass die Aufgabe eines Fonds­managers nicht ist, Risiken zu vermeiden, sondern genau diejenigen Risiken einzugehen, deren Risiko­prämien er im Auftrag des Kunden vereinnahmen soll“, so der Leiter Asset Servicing. Schillai betont, dass es darum gehe, Risiken in Abwägung zur jeweiligen Entscheidungs­qualität einzugehen: „Liegt der Fonds­manager mit einzelnen Anlage­entscheidungen zu 90 Prozent richtig, kann diesen auch ein größeres Risikobudget eingeräumt werden.“ Dies mache jedoch einen hohen Grad an Reflexion notwendig, um Fehlentscheidungen rechtzeitig korrigieren zu können. Das Team der Deka setzt daher auf stark standardisierte Prozesse. „So können wir unser Handeln als Fonds­administrator und Fonds­manager kontinuierlich überwachen und behalten neben dem Risiko auch unsere Rendite­ziele im Blick“, so Schillai.

 

 

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Mai 2017