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Vom „Grubenhund“ zu Fake News
Wie man sich vor dem Phänomen schützen kann

Fake News bestimmen die momentane politische Debatte und haben teilweise sogar Einfluss auf Entscheidungen. Dabei ist das Phänomen nicht neu, nur anders. Um der wachsenden Flut an bewusst lancierten Falschmeldungen Herr zu werden, ist Medienkompetenz gefragt – bei Konsumenten und Produzenten.

Engagierte Journalisten fühlen sich seit jeher der Wahrheit verpflichtet. Doch das, was in einer Welt, die sich immer schneller dreht, als wahr oder falsch gilt, wird immer mehr zum Gegen­stand von Diskussionen. Im Februar rechtfertigte sogar US-Präsidenten­beraterin Kellyanne Conway den Einreise­stopp gegen Menschen aus sieben muslimischen Staaten mit einem Terror­anschlag, den es niemals gab. Während es noch vor einigen Jahren in erster Linie darum ging, bestehende Fakten unterschiedlich zu interpretieren, scheint selbst die Wahrheit heute Auslegungssache zu sein. Spätestens seitdem der neue US-Präsident Donald Trump die politische Bühne betreten hat, ist der Begriff der Fake News zu einem Kampfbegriff geworden. Doch sind Fake News wirklich ein neues Phänomen?

 

„Formen der Fehlinformation gibt es in den Medien schon immer“, erklärt Gerit Götzenbrucker, Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikations­wissenschaft an der Universität Wien, und nennt exemplarisch das Beispiel der „Grubenhunde“: Bereits 1911 hielt der Wiener Ingenieur Arthur Schütz die Zeitung Neue Freie Presse mit einem von hanebüchenen technischen Details gespickten Bericht über ein Erdbeben zum Narren. Der Artikel gipfelte in der Aussage, Schütz’ schlafender Grubenhund habe das nahende Erdbeben bereits eine halbe Stunde vor den ersten Erschütterungen wahr­genommen. Die Bergmann­sprache bezeichnet den Wagen, welcher Gestein und Material in den und aus dem Stollen transportiert, als „Grubenhund“. Seit Schütz’ Coup jedoch hat der Begriff auch in die Pressetypologie Einzug gefunden. Grubenhunde gelten als Synonym für falsche Nachrichten mit einem medienpäda­gogischen Auftrag. Schütz tischte Zeit seines Lebens noch zahlreichen anderen Zeitungen falsche Nachrichten auf und veröffentlichte diese sogar in einem Sammelband. Seine Zutaten für einen gelungenen Coup: Thema, Stil, äußere Form, aber auch die gesell­schaftliche Stellung des vermeintlichen Absenders müssen auf die jeweilige Redaktion zugeschnitten sein. Um dies zu erreichen, feilte Schütz an entsprechenden Geschichten und suchte sich die Ziele seiner medienkritischen Attacken genau aus. In jede Geschichte verpackte er zudem ironische Seitenhiebe, die es informierten Lesern ermöglichen sollten, den Plot selbst zu entlarven. Nur so, dachte sich der umtriebige Ingenieur, würde es gelingen, leichtgläubige Redaktionen bloßzustellen.

1274 v. Chr.

 

Die Schlacht bei Kadesch zwischen den Hethitern und den Ägyptern unter Pharao Ramses II. wurde auf ägyptischer Seite zu einer detailreichen, aber erfundenen Triumphgeschichte. Jüngere Forschungen zeigen: Es war maximal ein Unentschieden.

Ramses II. in der Schlacht bei Kadesch; Holzschnitt (Gravur) nach einem alten Relief in Theben, Ramesseum

 

 

 

800 n. Chr.

 

Die Konstantinische Schenkung. Dass der katholischen Kirche die Herrschaft über Rom, Italien und die Westhälfte des Römischen Reichs übertragen wurde, geht auf eine gefälschte Urkunde zurück. Erst im 15. Jahrhundert konnte die Fälschung nachgewiesen werden. Der Vatikan berief sich noch bis ins 19. Jahrhundert auf die Schenkung und leitete daraus Machtansprüche ab.

Konstantin der Große, Büste (Louvre), Kopf römisch, 2. Drittel 4. Jhdt. n. Chr.

 

 

 

1844

 

Die zufällige Atlantiküberquerung – eine Poe’sche Ente. Auch als „Great Balloon Hoax“ bekannt, sorgte dieser Artikel von „The Sun“ in New York für große Aufregung. Angeblich hatte der Ire Monck Mason zufällig in nur drei Tagen den Atlantik in seinem Flugballon überquert. Die Ausgabe wurde den Verkäufern aus den Händen gerissen, es kam zu Menschen­ansammlungen. Die Bemühungen des Autors Edgar Allan Poe am selben Tag, der Menge die Lüge zu erläutern, waren vergeblich.

Tatsächlich war Mason mit seinem Ballon „Victoria“ von London nach Weilburg geflogen

 

 

 

1938

 

Immer wieder gern kolportiert wird die Weltuntergangspanik in New York, die sich 1938 während der Übertragung von Orson Welles’ Hörspiel „Krieg der Welten“ abgespielt haben soll. Joseph Campbell wies 2016 nach, dass der Effekt in den Zeitungsschlagzeilen am Tag danach maßlos übertrieben wurde, um das junge Konkurrenz­medium Radio als News-Quelle zu diskreditieren.

Der Autor und Regisseur Orson Welles während der Übertragung von „Krieg der Welten“ im Mercury Theatre

 

 

 

2017

 

Twitter und Social Media. Innerhalb sozialer Netzwerke verbreiten sich Falschmeldungen rasend schnell. Inzwischen werden Fake News gezielt zur politischen Agitation eingesetzt. Dabei finden sich Nutzer von Facebook, Twitter und Co. immer öfter in so genannten Echokammern oder Filterblasen wieder. Wer nur Informationsquellen aus einem bestimmten politischen Spektrum abonniert hat, erhält auch keine gegenteiligen Informationen und ist Falschmeldungen und tendenziöser Berichterstattung ausgesetzt. Fake News verstärken sich so wechselseitig und schaffen eine Parallelwelt. Selbst wenn Falschmeldungen entlarvt werden, bekommen das Nutzer nur selten mit. Ein Beispiel dafür ist die angebliche Vergewaltigung einer dreizehnjährigen Russlanddeutschen in Berlin: Die Meldung verbreitete sich über soziale Medien.

 

So genannte Social Bots, also Computerprogramme, die wie reale Nutzer agieren, verstärken diesen Trend zusätzlich, teilen einschlägige Informationen in Sekundenschnelle und schaffen so eine künstliche Öffentlichkeit. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook haben Social Bots inzwischen den Kampf erklärt und wollen Nachrichtenquellen von geringer Reputation kennzeichnen. Selbst die Politik plant Maßnahmen gegen Fake News und will Betreiber großer Netzwerke zunehmend in die Pflicht nehmen, entsprechende Inhalte stärker zu kontrollieren.

Twitter als Wahlkampfinstrument: Im Kampf um das Weiße Haus nutzte Donald Trump soziale Medien und dominierte damit die öffentliche Diskussion

 

 

 

Fake News manipulieren gezielt

Doch Grubenhunde hielten Medien nicht nur zu Zeiten von Arthur Schütz in Atem. 1996 reichte der Physiker Alan Sokal einen Artikel in der sozialwissen­schaftlichen Zeitschrift „Social Text“ ein, welcher bewusst zahlreiche logische Fehler enthielt. Da die Zeitschrift aber zur Schlussredaktion keinen Physiker konsultierte, wurde der Beitrag veröffent­licht und löste eine Diskussion über pseudo­wissenschaftliche Tendenzen in den Sozial- und Geistes­wissenschaften aus. Schon Grubenhund-Erfinder Schütz wusste, dass es nur einer wissen­schaftlich anmutenden Argumentation und eines entsprechenden Absenders bedarf, um Redaktionen von der Authentizität erdachter Nachrichten zu überzeugen. Der anerkannte Physiker Sokal wirkte auf die Herausgeber von Social Text glaubwürdig, weswegen diese insbesondere seine Ausführungen im Bereich der Physik nicht in Frage stellten. „Grubenhunde sind die qualifizierteste Form der Falschmeldung, da sie so gut konstruiert sind, dass sie die Medien täuschen“, konstatiert auch Götzenbrucker. Doch was, wenn Falsch­meldungen keinen medien­pädagogischen Auftrag transportieren, sondern auf Manipulation aus sind?

 

Tatsächlich gilt es, zwischen Satire und Zeitungs­enten einerseits und Fake News zu unterscheiden. Psychologen sprechen im Zusammen­hang mit Fake News im politischen Bereich oftmals von „Gaslighting“.Der Begriff geht auf ein Theater­stück des britischen Dramatikers Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 zurück, in dem ein Mann seine Frau mit falschen Aussagen über eine Gaslampe in den Wahnsinn treibt. Die Manipulations­technik zielt darauf ab, Opfern ihr eigenes Verständnis der Realität abzusprechen. Dabei isoliert ein Täter sein Opfer von der Außen­welt und schafft ein diffuses Feindbild. In dieser Konstellation entsteht eine Abhängigkeit, in welcher der Täter als einzig glaubwürdige Informations­quelle wahrgenommen wird. Ist diese Isolation erst hergestellt, kann das Opfer selbst abstruse Falsch­informationen nur noch schwer von der Wahrheit unterscheiden. Psychologen beobachten diese Manipulations­technik sowohl in gescheiterten Paar­beziehungen als auch in autokratischen Systemen. Eine erstaunliche Parallele zwischen „Gaslighting“ und der aktuellen Debatte über Fake News ist die Isolation, in der sich viele Opfer befinden. Während es beim klassischen Gaslighting zur Abschottung durch einen dominanten Täter kommt, tritt die Isolation in auto­kratischen Systemen mittels Medien­kontrolle ein. Doch auch in freien Gesellschaften kann der Zugang zu Informationen eingeschränkt sein. Dazu Götzenbrucker: „Soziale Netz­werke sorgen dafür, dass Nutzer aus dem eigentlich vielfältigen Angebot an Meinungen nur noch einen Teilbereich wahrnehmen – so genannte Filter­blasen entstehen.“

 

Filterblasen entstehen nicht nur im Internet

Obwohl soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook in den vergangenen Wochen Maßnahmen gegen zweifelhafte Quellen angekündigt haben, sorgt der Schwarmeffekt dafür, dass sich Meldungen in sozialen Netzwerken ungeprüft verbreiten können. So genannte Bots, also virtuelle Nutzer, teilen entsprechende Nachrichten in Sekunden­schnelle und schaffen so eine Parallel­öffentlichkeit, die der Abschottung beim Gaslighting nahekommt. „Setzt man ein Bot auf entsprechende Quellen im Internet an, verbreitet dieser bereits nach wenigen Stunden selbstständig fast ausschließlich das jeweilige Gedankengut. Den gleichen Effekt erfährt auch ein Nutzer, der sich ausschließlich in den Filter­kammern der sozialen Netzwerke bewegt. Während das klassische Medien­system noch immer Vielfalt bietet, sorgen Informa­tions­blasen dafür, dass Fake News nicht mehr durch anders­lautende Informationen relativiert werden“, so die Professorin.

„Falschmeldungen unterminieren unser demokratisches Mediensystem.“

Assoz. Prof. Mag. Dr. Gerit Götzenbrucker

Universität Wien

Doch Informations­blasen entstehen nicht nur innerhalb sozialer Netzwerke. Auch in sozialen Gruppen sind bestimmte Weltsichten verbreiteter als andere, beispiels­weise am Arbeitsplatz: „Wenn der Chef eine Meldung oder Quelle ernst nimmt, tendiert auch der Angestellte dazu, dies so zu sehen“, erklärt Götzenbrucker und verweist auf die Rolle der Peer Group bei der Interpretation von Nachrichten: „Studien mit Jugendlichen haben gezeigt, dass Informationen für glaubwürdiger angesehen werden, wenn sie von anderen Jugendlichen geteilt wurden.“ Auf diese Weise könnte auch innerhalb bestimmter Berufs­gruppen eine Form der Betriebs­blindheit entstehen. Verstärkt wird dieses Problem durch die zunehmende Schnelllebigkeit – beispielsweise im Finanz­system. Um diesem Problem zu begegnen, rät Götzenbrucker zu mehr Medienkompetenz auf Seiten der Nutzer und einer Selbst­verpflichtung für soziale Netzwerke. „Dass sich der Meinungs­markt selbst regulieren kann, hat sich nicht bewahrheitet. Soziale Netzwerke sind gefragt, sich selbst Regeln aufzuerlegen und ihrer ethischen Verant­wortung gerecht zu werden. Beispiels­weise könnten Betreiber offensichtliche Fake-Seiten von Werbe­einnahmen ausschließen“, rät die Sozialwissen­schaftlerin.

 

Informationen hinterfragen statt konsumieren

Um Fake News zu erkennen, sollten sich Nutzer kritisch mit Urhebern von Nachrichten auseinander­setzen. Dabei sollten sie prüfen, ob es zu einer Information mehrere glaub­würdige Quellen gibt, die Schlüssigkeit der Meldung an sich unter­suchen und darauf achten, dass eine Nachricht objektiv verfasst ist. So können Nutzer beispiels­weise feststellen, ob eine Meldung ausschließlich einem politischen Lager zuzuordnen ist. Grund­sätzlich gelte, dass sich Wahrheiten nur schwer in wenigen Zeilen darstellen lassen, betont die Professorin. Doch anhand dieses einen Kriteriums lässt sich noch keine klare Grenze zwischen Fake News und echten Informationen ziehen. „Es ist ökonomischen Zwängen geschuldet, dass Medien mit immer kleineren Informations­häppchen versuchen, möglichst viele Klicks zu erzielen“, kritisiert Götzenbrucker. Auch seien etablierte Medien keinesfalls unfehlbar. Studien hätten gezeigt, dass nahezu jede Presse­meldung mindestens einen Fehler enthält. „Die Accuracy-Forschung der Medien­wissenschaft belegt, dass die Übergänge zwischen Wahrheit und Falschheit fließend sind“, so Götzenbrucker. Dabei untersuchen Wissenschaftler die Qualität medialer Inhalte. „Oftmals handelt es sich zwar lediglich um falsch geschriebene Namen oder andere unbedeutende Details, doch häufig werden auch Statistiken falsch interpretiert.“ Insbesondere vor dem Hintergrund des wachsenden Informations­angebots und der Problematik der Fake News rät die Professorin etablierten Medien dazu, vermehrt Daten­journalismus zu betreiben und sich so auf Messungen oder Studien zu fokussieren. „Um Fake News begegnen zu können, benötigt es mehr Fakten als menschelnde Geschichten. Das braucht neben mehr Zeit allerdings auch eine höhere Kompetenz der Medien­schaffenden“, mahnt Götzenbrucker. Dennoch ist der Professorin vor der Zukunft nicht bange: „Das Thema wird derzeit ein wenig hochgekocht. Nicht alle Menschen fallen auf Fake News herein. Wichtig ist, dass wir die Medien­kompetenz auf allen Seiten stärken und Informationen kritisch hinterfragen, statt sie nur zu konsumieren.“

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Mai 2017