Trends und Innovation

Die neue Welt der Mobilität

Mobilität heißt viel mehr als nur Auto, Bus oder Flugzeug. Intelligente Infrastruktur und neue Mobilitätskonzepte werden in den kommenden Jahren radikal die Art und Weise verändern, wie wir uns bewegen. Davon profitieren auch Branchen und Technologien, die heute oft noch gar nicht mit diesem Sektor in Verbindung gebracht werden.

Juli 2021

Wenn Umweltaktivisten ihren kühnsten Wunschtraum beschreiben könnten, dann vielleicht diesen: Einfach auf einen Knopf drücken – und Jahr für Jahr werden Millionen Tonnen CO2 gespart. Dane Glasgow ist sich ziemlich sicher, diesen Klimaretter-Knopf vor sich zu haben. Und er wird ihn drücken, noch in diesem Jahr. Der Vizepräsident der Alphabet-Tochter Google Maps entwickelt mit seinem Team aus Daten-Analytikern, KI-Spezialisten und Software-Ingenieuren eine neue Version der meistgenutzten Routenführung. „Wir bauen ein neues Routing-Modell auf, das für Faktoren wie Straßenneigung und Verkehrsstaus optimiert ist. In Kürze wird Google Maps standardmäßig die Route mit dem geringsten CO2-Fußabdruck wählen, wenn sie ungefähr die gleiche Ankunftszeit wie die schnellste Route hat“, erklärt der Manager, der selbst mehr als 50 Patente in diesem Bereich hält. Google Maps kann überdies den Nutzern bald bei einer Routenplanung das ökologischste Verkehrsmittel vorschlagen, Verkehrsmittel vergleichen oder den klimaschonendsten Mix von Bahn, Bus, U-Bahn oder Leihfahrrad empfehlen.

So sehen Revolutionen in der neuen Welt der Mobilität aus. Das Beispiel zeigt: Die nachhaltige, individuelle und digital vernetzte Art sich fortzubewegen, wird nicht nur durch die Hersteller von Autos, Zügen oder Flugzeugen bestimmt. Viele Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen entwickeln Produkte und Dienstleistungen, mit denen das mobile Leben besser wird. Den Grundansatz dabei beschreibt Stefan Carsten, der am Frankfurter Zukunftsinstitut zur modernen Fortbewegung forscht: „Die Produkte der Mobilität – etwa Autos, Fahrräder oder der ÖPNV – treten hinter den Service zurück und reihen sich in eine nahtlose Mobilitätskette ein.“ Das Ziel, so der Wissenschaftler: Menschen dort Angebote machen, wo ihre Mobilität beginnt und endet.

Und das wird in Zukunft zumindest in den globalen Metropolen schon auch mal auf dem Dach eines Hochhauses sein: Beginnend in Singapur, Schanghai, Los Angeles und Dubai starten dort noch in diesem Jahr die ersten Hubschrauber-Taxis. Unter den Herstellern der autonom fliegenden und batteriegetriebenen Fluggeräte sind Firmen wie die deutschen Start-ups Volocopter und Lilium. Aber auch Airbus ist beim Einstieg in die nachhaltige Mobilität der Lüfte dabei, genau wie Bell und Boeing.

Dieser Wettbewerb aus etablierten und neuen Anbietern der Mobilität ist typisch für fast alle Bereiche, sagt die Autoexpertin im Team der Deka, Senta Graf: „Bei der Mobilität ist ein ganz neuer globaler Wettbewerb entfacht. Wer am Ende die Nase vorn hat, das ist noch lange nicht entschieden.“ Graf ist deshalb in engem Dialog mit ihren Kollegen aus dem Technologiebereich und hat auch selbst die neuen Felder der Mobilität im Blick.

An solchen Zukunftstechnologien arbeitet etwa Volkswagen. Der Autokonzern baut noch 2021 ein Tochterunternehmen auf, das nach SAP die zweitgrößte Software-Firma Deutschlands sein wird. Den Fortschritt gestalten aber auch Chiphersteller wie NXP, Wasserstoffproduzenten wie Linde, Fahrdienstleister wie Uber oder Batteriebauer wie Samsung mit. Sie alle arbeiten an der Basis für die vernetzte und nachhaltige Mobilität der Zukunft. Anlegerinnen und Anleger können sich beteiligen, so den Wandel beschleunigen und daran teilhaben. Graf verweist etwa auf den Fonds Deka-MegaTrends, der global auch in die Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien oder Halbleitern investiert.

Gerade diese Bauteile stehen jetzt im Fokus: Der batterieelektrische Antrieb und elektronische Helfer bei Komfort und Sicherheit machen Firmen zu Motoren der Mobilität, die bisher eher bei Computern, Mobilfunk oder Unterhaltungselektronik ihren Schwerpunkt hatten. In jedem Elektroauto sind schon heute Chips für mehr als 600 Euro verbaut. Hersteller wie Infineon oder ASML produzieren inzwischen im Takt der Autokonjunktur. Einige dieser Firmen sind sogar direkt in den wichtigsten Bereich der individuellen Mobilität investiert: den Fahrzeugbau. Der chinesische Konzern Foxconn etwa hat sich unlängst mit Stellantis, dem Zusammenschluss von PSA und Fiat-Chrysler, verbündet. Und mit den E-Autoherstellern Byton und Fisker stellt der Produzent der Apple-Handys sogar bald eigene Autos her. Auch Amazon hat mehr als eine Milliarde US-Dollar in das Elektro-Start-up Rivian investiert – und selbst mehr als 100.000 Transporter der neuen Marke bestellt. Der Lockruf von Milliarden mobiler Menschen zieht die Tech-Konzerne an.

Wie hoch könnte 2035 der Anteil am Verkehr sein, den Fahrdienste in Deutschland übernehmen, bei denen keine Menschen mehr am Steuer sitzt? Das hat eine representative Studie ermittelt. Gerade Ältere und Schüler sind danach offen für diese Art der Mobilität. Dabei ist das autonom fahrende Taxi (Robotaxi) beliebter als der fahrerlose Shuttlebus (Roboshuttle).

Möglicher Anteil der Nutzer autonomer Fahrdienste 2035 in Prozent.

Jährlich eine Billion Euro für Mobilität.

Schließlich ist Mobilität in all ihren Facetten von E-Bikes und Flugreisen bis zu Parkraum-Apps, intelligenten Ampelschaltungen und Ladesäulen ein gigantischer Markt. Private Haushalte geben in der EU jährlich über eine Billion Euro für Mobilität aus. Und knapp 1,2 Billionen Personenkilometer legen allein die Deutschen Jahr für Jahr zurück – wie die meisten Menschen weltweit vor allem im Auto.

Dessen traditionelle Hersteller wollen sich auch in einer klimaneutral aufgestellten Welt ihre Marktanteile sichern – und gehen darum drei Neuausrichtungen an. Sie investieren erstens zweistellige Milliardensummen in eine nachhaltige Produktion. Die komplette Wertschöpfungskette von der Energieerzeugung bis zum E-Auto soll in den nächsten zwei Jahrzehnten CO2-neutral werden. Zweitens schaffen sie den Kunden auch andere Mobilitätsangebote wie Carsharing und autonome Taxis. Und drittens erschließen sich Konzerne wie Hyundai oder Volkswagen neue Geschäftsfelder im B2B-Geschäft, indem sie Fahrzeug-Plattformen und Software entwickeln, die auch andere Unternehmen nutzen sollen.

Die traditionellen Mobilitätsanbieter von Auto über Bahnen bis zu Liefer- oder Nahverkehr müssen sich wandeln, so Experte Carsten. Denn Gesellschaft und Politik machen Druck. Der Wissenschaftler ist sich dabei sicher, dass die Coronakrise den Wertewandel beschleunigt. Das kann jeder bei einem Spaziergang durch die Städte schon heute erleben. Ob in Barcelona, Berlin oder Brüssel: Überall werden Straßen zurückgebaut, Radspuren verdrängen Autos, neue Freiflächen für Gastronomie bisherige Parkbuchten. München weitet die Umweltzonen aus, Paris und London wollen 2030 nur noch emissionsfreien Verkehr in die Zentren lassen. Schon jetzt verlangen Metropolen wie Singapur, Dublin und Stockholm für jede Autofahrt in die Stadt eine City-Maut. Die Einnahmen fließen in neue Radwege, U-Bahnen oder Fußgängerzonen.

Weniger Straßen, mehr Vernetzung.

„In einigen der fortschrittlichsten Metropolen der Welt wurde die Coronakrise zur Grundlage für ein neues Denken und Handeln“, hat Zukunftsforscher Carsten analysiert. Weniger Straße, dafür voll vernetzt durch die Kommunikation von unterschiedlichen Verkehrsmitteln und der digitalen Infrastruktur. Erste derartige Systeme von TomTom, Google oder einem Verbund von Autoherstellern stimmen ihre Routenvorschläge bereits auf die aktuelle Verkehrssituation in der Stadt ab – und vernetzte Parkhäuser können Reisende genau zum nächsten freien Haltepunkt lotsen. Ein mobiler Meilenstein, denn ein Drittel des gesamten Fahraufkommens in den Innenstädten entfällt derzeit auf die Kurverei bei der Suche nach einem Parkplatz.

Aber auch auf dem Land bleibt die mobile Welt nicht stehen. Im niederbayerischen Bad Birnbach fährt bereits ein autonomer Autobus vollelektrisch vom Kurpark bis zum Bahnhof. Den Shuttle betreibt die Deutsche Bahn. Auch im kleinsten Weiler soll sich in wenigen Jahren ein Mensch den fahrerlosen Kleinbus pünktlich vor die Tür rollen lassen können. Auf geht’s ans Wunschziel. Und unterwegs macht ein kluger Algorithmus noch bei anderen Einzelreisenden mit passenden Zielen Halt. Gerade für Ältere oder motorisch eingeschränkte Menschen eröffnen solche Aussichten neue Perspektiven. Ein Mobilitätsmodell der Unternehmensberatung Deloitte hat berechnet, dass schon 2035 „jede dritte Fahrt mit einem autonomen Flottenfahrzeug erfolgen wird”. Die neue Welt der Mobilität, sie kommt gerade erst so richtig in Fahrt.

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