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Deka Institutionell Investment-Konferenz 2021

„Unsere Städte müssen umgebaut werden“

Demographische Trends, Urbanisierung und der Klimawandel stellen neue Herausforderungen an den Lebensraum „Stadt“. Auch Investoren sind von diesen Entwicklungen betroffen. Auf der Deka Institutionell Investment-Konferenz im November diskutierten Peter Cachola Schmal, Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt und Rudi Scheuermann, Director und Global Leader ‚Building Envelope Design‘ des Ingenieurbüros Arup, wie die ökonomische, soziale und ökologische Zukunftsfähigkeit unserer Städte sichergestellt werden kann.

Dezember 2021

Die Urbanisierung der Gesellschaft schreitet immer weiter voran: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung leben in Deutschland bereits 75 Prozent der Bevölkerung in städtischen Siedlungsgebieten. Gleichzeitig ist der „Lebensraum Stadt“ starken Veränderungen unterworfen. So fordern etwa die Auswirkungen des Klimawandels neue Perspektiven einer künftigen Stadt- und Architekturentwicklung. Auch führen demographische Aspekte, wie die alternde Gesellschaft oder „New Work“, zu neuen hybriden Wohn- und Arbeitsmodellen – die Corona-Pandemie zeigt dies besonders deutlich. Wie können wir also die ökonomische, soziale und ökologische Zukunftsfähigkeit unserer Städte sicherstellen? „Unsere Städte müssen umgebaut werden“, stellt Peter Cachola Schmal, Leiter des Deutschen Architekturmuseums (DAM) auf der Deka Institutionell Investment-Konferenz 2021 fest. Er vertritt die Meinung, dass „wir weniger eine Evolution als vielmehr eine Revolution benötigen“. Dabei seien schon kleine Schritte wichtig, denn nur so schaffe man den notwendigen Sprung zu einer besseren Resilienz der Städte.

In den Hitzesommern 2019 und 2020 wurde für jeden spürbar, wo die Problematik großer, konventionell gewachsener Städte liegt. Die thermische Masse der Bebauung und versiegelter Flächen in den Städten heizt sich tagsüber auf und wird nachts wieder abgegeben. Das hat Folgen: „Innenstädte großer Metropolen sind verglichen mit dem Stadtrand heute bis zu 12 Grad wärmer,“ erklärt Rudi Scheuermann, Director und Global Leader ‚Building Envelope Design‘ des Ingenieurbüros Arup. „Hinzu kommt, dass die Lärmbelastung für einen gesunden Nachtschlaf sechs bis zehn Dezibel zu hoch ist. Also halten wir oftmals die Fenster geschlossen und weichen auf die Klimatisierung aus - und die wird immer noch überwiegend mit fossilen Brennstoffen betrieben. Nicht zuletzt leiden weltweit fast zwei Milliarden Menschen an Atemwegserkrankungen aufgrund von Feinstaub.“ Ein wichtiger Lösungsansatz liegt für Scheuermann in einer stärkeren Begrünung von Gebäuden: „Wärmebildaufnahmen großer Städte zeigen, dass es an Stellen mit Bepflanzung kühler ist, als an Stellen, die unbepflanzt sind.“

Begrünung gegen die Folgen des Klimawandels.

Künftig dürften extreme Wetterphänomene zunehmen. Vor diesem Hintergrund folgert Experte Schmal: „Wir müssen davon ausgehen, dass Starkregenereignisse in Zukunft deutlich häufiger auftreten werden. Durch eine konsequente Begrünung von Dachflächen lässt sich das Problem mindern“, beschreibt Schmal. „Über das Substrat der Bepflanzung, etwa von Hausdächern, lässt sich das Regenwasser speichern und in Zisternen oder andere Auffanglösungen umleiten, um es dann später gezielt in die Kanalisation abzugeben.“

Begrünte Dachflächen haben daneben auch eine soziale Funktion – und die wird immer wichtiger, meint Scheuermann: „Grüne Dächer schaffen lebenswerteren Raum. Viele Architekturwettbewerbe stellen mittlerweile die Anforderung, dass Dächer für die Öffentlichkeit geöffnet werden müssen, um so Raum für Naherholung zu schaffen. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, auch Erholungsphasen in der Stadt realisieren zu können. Pflanzen haben also eine erhebliche Bedeutung für die Stadt, sie steigern den Wert und das Wohlbefinden und damit auch die Akzeptanz.“

Er macht eine einfache Rechnung auf: „Neubauten generieren vereinfacht gesagt fünfmal so viel Fläche wie ihr Baugrundstück. Wenn es uns gelingt, ein Fünftel dieser Flächen bei nur einem Fünftel der Bebauung einer Straße zu begrünen, bekommen wir die Überhitzung, die Akustik und den Feinstaub in den Griff.“ Er warnt aber davor, bei den Planungen nur auf neue Gebäude zu setzen, denn: „95 Prozent der Umwelt ist bebaute Umwelt. Um die müssen wir uns kümmern und den Bestand aktivieren. Wir werden mit neuen Gebäuden alleine beim Klimawandel nichts bewirken können“, mahnt Scheuermann.

Dafür müssten auch alte Gebäude angepasst und umgerüstet werden. Eine Herausforderung dabei stellt seiner Meinung nach in Deutschland der wenig flexible Denkmalschutz dar: „In anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden ist man beim Denkmalschutz deutlich kreativer, weil man es sich aus Platzgründen nicht leisten kann, Gebäude museal aufrechtzuerhalten.“ In Deutschland müssten Architekten und Entwickler mit dem Denkmalschutz noch verstärkt „in den Ring gehen“. Aber es gebe auch für die Umrüstung alter Gebäude kreative Lösungen, etwa im Bereich der Dämmung oder der Energieeffizienz.

Wertsteigerungspotenziale erschließen.

Inwieweit die Ausrichtung von Neubauten und Bestandsbauten auf mehr Nachhaltigkeit gelingt, sei unter anderem für institutionelle Investoren in Zukunft eine entscheidende Frage, betont DAM-Leiter Schmal. Die gesellschaftliche Erwartung, ebenso wie die Regulatorik, dürften künftig eine stärkere ESG-Kompatibilität von Investitionen erfordern. Hier müssten Lösungen entwickelt werden, sonst bestehe die Gefahr, dass Bestandsobjekte aufgrund von ESG-Regularien nicht mehr gehalten oder verkauft werden dürfen. Im schlimmsten Fall drohe eine Vernichtung von Bestand, aufgrund ungewisser ESG-Risiken. Schmal und Scheuermann erhoffen sich deshalb nicht zuletzt von institutionellen Investoren Unterstützung im Dialog mit der Politik, etwa wenn es um die Anpassung und Vereinheitlichung von Landesbauordnungen geht. Letztendlich gehe es auch um die Frage von Bewertungen. Scheuermann verweist auf Studien, nach denen intensiv begrünte Gebäude infolge der Maßnahmen Wertsteigerungen von bis zu 20 Prozent erfahren. Es sei für Investoren notwendig zu realisieren, dass unter Nachhaltigkeitsaspekten getätigte Investitionen in Umbau- und Sanierungsmaßnahmen Wertsteigerungspotenziale erschließen können.

Rückgewinnung des öffentlichen Raumes.

Ein weiterer Faktor, den es bei der künftigen Stadtplanung zu berücksichtigen gilt, ist die Mobilität und damit einhergehend die Nutzung des öffentlichen Raumes. In vielen deutschen Städten sind in den vergangenen Jahren Fahrspuren für Autos in Fahrradwege umgewandelt worden, was immer wieder auch zu Kontroversen geführt hat. Scheuermann sieht in solchen Maßnahmen allerdings einen wichtigen Schritt. „Wir müssen den öffentlichen Raum wieder aktivieren“, fordert er vor allem mit Blick auf die Lockdowns während der Corona-Pandemie: „Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie haben erneut aufgezeigt, dass wir als Gesellschaft massiv mit dem Problem der Isolation zu kämpfen haben. Der Diskurs der Öffentlichkeit ist weitestgehend ins Internet abgerutscht und dort immer aggressiver geworden. Also müssen wir dafür sorgen, dass auf den Straßen wieder mehr soziale Interaktion stattfindet, um so wieder mehr soziale Toleranz zu üben.“ Gleichzeitig gehe es darum, Verkehrswege und Flächen inklusiver zu denken und Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit stärker zu berücksichtigen.

Die beiden Architekturexperten sind sich bewusst, dass es dabei immer auch zu Interessenkonflikten zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern kommen wird. So seien während der Pandemie Parkplätze in Außenflächen für die Gastronomie umgewandelt worden, um den Anforderungen an die Corona-Maßnahmen gerecht zu werden. Lässt sich diese Entwicklung in ein oder zwei Jahren wieder zurückdrehen? Peter Cachola Schmal ist skeptisch: „Die Bevölkerung wird künftig auf die öffentlichen Flächen nicht mehr verzichten wollen, da sie sich für das Miteinander als sinnvoll und wichtig erwiesen haben.“

Die Herausforderungen sind also enorm: Aufgeheizte Städte, Feinstaubbelastungen, übermäßige Lärmbelastung, extreme Wetterlagen und eine neue Nutzung des öffentlichen Raumes für einen lebenswerteren Raum „Stadt“ – Immobilieninvestoren und Planer stehen also in den kommenden Jahren vor einer Vielzahl von gemeinsamen Herausforderungen.