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Smart City
Städteplanung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Neue Technologie beeinflusst auch die Städteplanung. Während die Anforderungen an Nachhal­tigkeit und Mobi­lität wachsen, wünschen sich Bewohner vor allem mehr Lebensqualität. Weltweit wetteifern Projekte um das Prädikat „Smartest City“. Markt & Impuls beleuchtet, was die ambitio­nierten Projekte schon heute leisten und wo sie an ihre Grenzen stoßen.

Etwas mehr als fünfzig Kilometer außerhalb von Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt Songdo, die nach Aussage ihrer Planer smarteste Stadt der Welt. Auf den ersten Blick wirkt Songdo wie viele Kleinstädte: ruhig, sauber, vielleicht ein wenig verschlafen. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, warum die Stadt als Vorzeige­projekt gilt. Überall befinden sich Kameras. Fußgänger und Radfahrer haben auf den Straßen der 75.000-Einwohner-Stadt Vorfahrt. Und tauchen auf den Straßen Songdos doch einmal Autos auf, richtet sich die Ampel­schaltung nach dem Verkehrsauf­kommen. Jeder Bewohner Songdos lebt in einem Smart Home. Türen per Finger­abdruck öffnen, den Energie­verbrauch der Wohnung intelligent steuern und den Kindern über den Bild­schirm in der Küche auf dem benachbarten Spiel­platz zusehen? All das ist in Songdo schon heute Realität.

Städte vom Reißbrett: viel Zukunft, keine Vergangenheit

Bis 2022 soll das südost­asiatische Utopia fertiggestellt sein und seinem voraus­eilenden Ruf als modernste Stadt der Welt gerecht werden. Obwohl die künstliche Metropole als Wirtschafts­standort zwischen China und Japan konzipiert und bewusst eng an den inter­nationalen Flug­hafen Incheon angebunden ist, geht es heute ziemlich beschau­lich zu in Songdo: Viele Rentner und junge Familien schätzen die klare Luft und das ruhige Leben. Tatsächlich hat die Smart City wenig gemein mit schnell­lebigen asiatischen Metropolen. Technik­affine Hipster haben die Stadt bislang noch nicht für sich entdeckt. Der Siedlung vom Reißbrett fehlen die Gegensätze, die moderne Metropolen heute ausmachen. Die Zukunft mag in Songdo zwar allgegen­wärtig sein, doch fehlt dem Projekt das, was New York, Tokio oder Berlin unter anderem ausmacht: eine lebendige Geschichte.

Smart Buildings

Wenn Gebäude die Lebensgewohnheiten ihrer Bewohner erkennen und Heizung, Klima oder Energie­versorgung entsprechend steuern, ist das ziemlich smart. Doch auch Müll­aufkommen und Wasser­verbrauch können mittels Sensoren gemessen werden. Dies steigert die Effizienz öffentlicher Dienstleistungen.

Smart Energy

Die Mobilität der Zukunft ist sauber und kommt ohne Stau aus. Automatisierte Fahrzeuge sorgen für den optimalen Verkehrs­fluss, Sensoren und Kameras haben zudem Radfahrer und Fuß­gänger im Blick. Mobilitäts­konzepte ersetzen das eigene Auto. In Innen­städten entsteht neuer Raum.

Smart Infrastructure

Die Infrastruktur der Zukunft ist dezentral. Die Zeit der Stadtzentren, in denen wir arbeiten und einkaufen, ist vorbei. Moderne Viertel verbinden die Sphären Arbeiten, Wohnen und Leben. Das spart Zeit und steigert die Lebens­qualität. High-Speed-Glasfaser­netze und drahtlose Funk­verbindungen werden wichtiger als Stadtauto­bahnen und Zubringertrassen.

Smart Mobility

Die Mobilität der Zukunft ist sauber und kommt ohne Stau aus. Automa­tisierte Fahrzeuge sorgen für den optimalen Verkehrsfluss, Sensoren und Kameras haben zudem Radfahrer und Fußgänger im Blick. Mobilitäts­konzepte ersetzen das eigene Auto. In Innen­städten entsteht neuer Raum.

Auch andere smarte Städte, wie das unter anderem von Star­architekt Norman Forster geplante Masdar City in Abu Dhabi, entwickeln sich irgendwo zwischen Anspruch und Wirk­lichkeit. Bereits 2016 sollte das Projekt fertig werden. Der neue Termin für die Fertig­stellung lautet nun 2030. Viele ambitionierte Pläne, wie selbst­fahrende Pods oder die Energie­versorgung mittels Erdwärme, wurden inzwischen eingedampft. Unter anderem weigern sich viele Bewohner, auf das eigene Fahrzeug zu verzichten. Andere Ziele, wie Energie­effizienz und die konse­quente Nutzung regene­rativer Energien, konnten erreicht werden. Schon heute wohnen in Masdar City Studenten und Forscher. Wenn auch deutlich weniger, als ursprünglich erhofft. Zwar haben Konzerne wie Siemens und auch die Inter­nationale Organi­sation für erneuerbare Energien (Irena) Nieder­lassungen in Masdar City gebaut, von den „über 450“ ansässigen Firmen ist in der Stadt allerdings wenig zu sehen. Auch bleiben Wissen­schaftler und Fach­kräfte in Masdar City unter sich: Weniger gut bezahlte Service­kräfte müssen draußen bleiben – zu teuer ist Wohnen in der Smart City. Es sieht danach aus, als bliebe die Stadt der Zukunft wenigen Privilegierten vorbehalten.

Bewohner entscheiden, wie die Stadt der Zukunft aussieht

Egal, ob Songdo oder Masdar City – die ambitionierten Projekte vom Reißbrett müssen sich an der Realität messen lassen. Neben technischen Hürden stehen oft auch die Wünsche der Bewohner den Utopien entgegen: Einige ältere Bewohner Songdos haben die Kameras in ihren Wohnungen bereits entfernen lassen. Die Ideen der Stadtentwickler treffen in modernen Smart Cities auf die Realitäten ihrer Bewohner. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Stadt der Zukunft anders aussehen wird, als von innovativen Architekten und Zukunfts­forschern erdacht.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Mai 2018