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Raus aus dem Negativzins
Reserven nutzen – Ertragschancen schaffen

Die EZB macht ernst und kauft seit März Anleihen im großen Stil. Weil das Drehen an der Zinsschraube nicht ausreicht, muss jetzt eine neuerliche Geldschwemme helfen. Mit ihren Maßnahmen schafft die Notenbank einen guten Nährboden für den wirtschaftlichen Aufschwung. Für Investoren ist das Umfeld negativer Zinsen allerdings eine nie da gewesene Herausforderung. Über 70 Prozent der deutschen Staatsanleihen werfen keine Rendite mehr ab. Wo soll da Ertrag herkommen?

Herr Kowallik, was sagen Sie Sparkassen, die nach Rendite für ihre Eigenanlagen suchen?

Matthias Kowallik: Dass der Kapitalmarkt viele Möglichkeiten bietet. Man muss sie nur nutzbar machen. Das heißt, es müssen einige Voraussetzungen geschaffen werden, um die Anlagestrategie auf dieses strukturell andere Marktumfeld auszurichten.

Welche Voraussetzungen sind das?

Kowallik: Wenn wir uns anschauen, wie das Gros der Sparkassen heute investiert ist, können wir sehr schnell erkennen, dass bei diesen An­lagen kurzfristige Ertragsmöglichkeiten begrenzt sind. Bundesanleihen, Pfandbriefe – bei all diesen Papieren konnte über die letzten Jahre gut verdient werden. Jetzt rentieren sie nahe Null oder negativ. Der große Vorteil: Die stillen Reserven sind weiter angestiegen. Das schafft ein gutes Polster für anstehende Anlageentscheidungen, wenn sie genutzt werden. Die Zeit spielt da übrigens gegen die Sparkassen. Der Peak bei den stillen Reserven ist erreicht, und je länger man wartet, umso geringer wird der Handlungsspielraum.

Wie können die stillen Reserven genutzt werden?

Kowallik: Indem man Anleihen aus dem Eigenbestand in einen Spezialfonds einbringt und so diesen Puffer realisiert. Dann hat man die Chance, den zusätzlichen Spielraum für neue Investitionen zu nutzen. Und da gibt es – wie gesagt – gerade im Moment sehr viele attraktive Mög­lichkeiten.

Die integrale Betrachtung von Passiva und Aktiva zeigt die Attraktivität der Märkte. Was wir derzeit beobachten, ist aber eine signifikante Niveauverschiebung.

Matthias Kowallik

Institutionelle Kunden,

Leiter Sparkassen & Finanzinstitute, Deka

Schwer vorstellbar mit Blick auf die aktuellen Renditeniveaus ...Kowallik: Das ist eine Frage der Betrachtungspers­pektive. Wenn ich nur auf die absoluten Zahlen auf der Anlageseite schaue, dann kann man wahrlich nicht von at­trak­tiv sprechen. Das ist aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn um zu einem realistischen Urteil zu kommen, muss ich auch die relative Betrachtung einbeziehen. Dann steht auf der Aktivseite zwar immer noch keine höhere Rendite, meine Refinanzierungs­kosten sind aber auch viel niedriger. Die Differenz zwischen Aktiv und Passiv ist weiter attraktiv, teilweise sogar größer als vor 20 Jahren. Nur das Niveau ist zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig.

 

Sie plädieren also für die Gesamtbetrachtung. Trotzdem bleibt die Frage, wo mehr Ertrag herkommt.

Kowallik: Stille Reserven zu realisieren ist eine Stellschraube, um mehr Handlungsspielraum in der Kapitalanlage zu bekommen. Sparkassen können zudem noch die Option nutzen, aus ihrer hohen Risikotragfähigkeit mehr Erträge zu generieren. Da ist noch sehr viel Luft, die Risikolimit-Auslastung liegt im Schnitt bei nur 18 Prozent. Auch die hohe Liquidität, die viele Häuser vorhalten, kann effizienter eingesetzt werden. Wenn ich bei den aktuellen Renditen am Geldmarkt investiere, dann ist das vergleichbar mit einem Containerschiff, das im Hafen liegt. Viel zu teuer, ein Schiff muss aufs Meer.

Wie können die so gewonnenen Handlungsspielräume eingesetzt werden?

Kowallik: Mit einem strategischen Ertragsportfolio. Das Grundprinzip ist einfach: Durch eine sinnvolle Kombination unterschiedlicher Anlageklassen und -vehikel werden die Opportunitäten an den Kapitalmärkten besser ausgenutzt, die Planbarkeit der ordentlichen Erträge wird erhöht. Zudem wird durch den Einsatz beispielsweise von Laufzeitenfonds die Stabilität des Portfolios im Zeitablauf erhalten.

 

Deutlicher Rückgang der Refinanzierungskosten

Risikoaufschläge ungedeckter Sparkassen-Briefe gegen Swapmitte in Basispunkten

Quelle: Deka Handel

Welche konkreten Anlagen stehen dahinter?

Kowallik: Mit klassischen Laufzeitenfonds aus den Segmenten Corporates, High Yield und Emerging Markets wird ein solides Fundament gelegt – etwa 70 Prozent der Gelder entfallen auf diese Rentenpapiere. Beigemischt werden je 15 Prozent Bonitätsanleihen auf Landesbanken und Dividendentitel. Wir haben dies als Musterportfolio durchgerechnet – mit einem Anlagebetrag von 50 Millionen Euro. Im Durchschnitt ergibt sich eine Rendite von drei Prozent pro Jahr. Das ist im aktuellen Umfeld ausgesprochen attraktiv.

Birgt diese Strategie nicht deutlich höhere Risiken?

Kowallik: Auch das ist wieder eine Frage der Per­spektive. Wenn man die zuvor genannten zusätzlichen Handlungsspielräume schafft und über ein strategisches Ertragsportfolio investiert, dann macht man aus brachliegenden Reserven arbeitendes Kapital. In dem Umfeld, in dem wir heute unterwegs sind, wird nichts tun einfach zu teuer. Neue Wege sind in gewisser Weise alternativlos. Deshalb ist für mich die Frage: Wie kann dieser Weg so sicher und Ertrag bringend wie möglich genutzt werden? Neben der ausgewogenen Strukturierung des Portfolios sollte dabei auch eine passgenaue Risikosteuerung über ein Overlay-Management mit in Erwägung gezogen werden.

Aus Ihrer Erfahrung – wie wird diese Alternative von Sparkassen angenommen?

Kowallik: Wir sehen durchaus großes Interesse und viele Häuser, die vorangehen. Man darf nicht vergessen, dass dies häufig mit einem längeren sparkasseninternen Planungs- und Abstimmungsprozess verbunden ist. Deshalb kann ich nur raten, diese Entscheidungen nicht auf die lange Bank zu schieben. Wir sind im Moment, getragen durch die Maßnahmen der EZB, in einem günstigen Marktfenster. Das wird sich auch wieder schließen.

Markt & Impuls - Für Sparkassen - Ausgabe 2, Juli 2015