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China
Einblicke und Aussichten

China drängt derzeit verstärkt in das Bewusstsein der Anleger: sei es die Krise auf dem chinesischen Aktienmarkt, die Sorge um das Nachlassen des chinesischen Wachstums oder die zunehmende Präsenz chinesischer Investoren in Deutschland. Ohne eine bessere Kenntnis der chinesischen Kultur und Gesellschaft werden wir dem Reich der Mitte nicht gerecht.

Britta Heidemann

Britta Heidemann, Fechterin von Weltrang, Olympiasiegerin und China-Kennerin, faszinierte beim Annual Outlook mit ihren persönlichen Einsichten zur Andersartigkeit Chinas und seiner Menschen.

 

Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum Chinas im letzten Jahr etwas abgeschwächt hat, ist eines klar: Das Reich der Mitte ist perspektivisch gesehen auf dem Weg zur Wirtschaftsmacht Nr. 1, einer Position, die es während des größten Teils seiner jahrtausendelangen Geschichte innehatte. Erst die Opiumkriege in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten zur Verarmung des Riesenreiches. Revolutionen und die Hinwendung zum Marxismus bestimmten den weiteren Verlauf und ließen Chinas Bedeutung in der Weltwirtschaft schrumpfen. Eine allmähliche Hinwendung zur Moderne und die seit 1978 von der Regierung verfolgte Politik der Reform und Öffnunglassen das Reich der Mitte allmählich wieder an seine frühere wirtschaftliche Bedeutung anknüpfen.

 

Im Vergleich zu anderen Handelspartnern befremdet vieles im Reich der Mitte: Das autokratische Einparteiensystem und die Betonung des Kollektivwohls gegenüber dem Individualwohl, wie sie sich in der Ein-Kind-Politik spiegelte. Die extrem starke und dirigierende Rolle, die die Regierungin der Wirtschaft spielt – die Zentralregierung einerseits, andererseits aber auch die starken Regionalregierungen, wie deutsche Unternehmen zu berichten wissen, die in China investieren. Offene Konflikte werden vermieden – zu wichtig ist es, „das Gesicht zu wahren“. Urheberrechte gelten wenig bis nichts, trotz entsprechender Gesetzgebung ist es sehr schwer, gegen die verbreitete Produktpiraterie vorzugehen.

 

„Eroberer ohne Gewalt“

Helmut Schmidt nannte China einen „Eroberer ohne Gewalt“ und mahnte dazu, unsere Haltung der westlichen Überlegenheit abzulegen und stattdessen Respekt gegenüber der ältesten Kulturnation der Welt zu zeigen. Britta Heidemann, die Olympiasiegerin im Fechten von 2008, konnte dem Publikum am Abend des Annual Outlooks 2016 in einem sehr persönlichen Vortrag die Menschen und das Selbst­verständnis Chinas näherbringen. Seit ihrer Jugend war Frau Heidemann von der Andersartigkeit, der menschlichen Direktheit und der Vielfalt Chinas fasziniert. Sie lernte die Sprache, studierte Regional­wissenschaften Chinas mit Schwerpunkt BWL und knüpfte bei zahlreichen Aufenthalten persönliche Kontakte. Auch ihre Popularität in China hilft ihr bei ihren Aufgaben als kulturelle Botschafterin zwischen den Ländern.

 

Verschlungene Wege führen zum Ziel

In ihrer Rede betonte sie, dass die Basis für eine erfolgreiche geschäftliche Partnerschaft das Verständnis für die chinesischen Traditionen und Herangehensweisen sei. Während man sich nach deutschem Verständniszur Anbahnung eines Vertrags aneinen Tisch setze und Punkt für Punkt diskutiere, stünde am Anfang einer chinesischen Geschäftsbeziehung ein ausuferndes Abendessen mit entsprechender alkoholischer Begleitung. Erst ein gelungener gemeinsamer Abend gebe überhaupteine Basis für Erfolg versprechende Verhandlungen. Während in der deutschen Kultur ein sehr geradliniger Weg und deutliche Kommunikation als Nonplusultra des Erfolgs gesehen werden, können in China verschlungene Wege rascher zum Ziel führen. Auch ein abgeschlossener Vertrag kann für die östlichen Partner manchmal nur die Grundlage für eine erneute Verhandlungsrunde sein. Wenn Deutsche sich der kulturellen Unter­schiede im Vorfeld klar werden und einige Fallen meiden, können sie vom hohen Ansehen, das Deutsch­land und deutsche Produkte in China genießen, durchaus profitieren undeine fruchtbare Partner­schaft eingehen.

 

 

„Ost trifft West”

Yang Liu, Designprofessorin an der BTK Berlin, hat die Gegensätze zwischen westlichem und östlichem Denken und Handeln in einer Serie von Piktogrammen ausgedrückt. „Ost trifft West“ (2007); Verlag Hermann Schmidt, Mainz; ISBN: 3874397335

 

Qualität statt Quantität

Derzeit befindet China sich in einer Phase strukturellen Wandels. Die Regierung möchte die Investitionen verringern, die hohe Sparquote von 48,9 (in Prozent des BIP) soll reduziert und dafür der private Konsum angekurbelt werden. Von der billigen Werkbank der Weltwirtschaft möchte sich China zum Hightech­produzenten weiterentwickeln und seinen Dienstleistungssektor ausbauen. Dieser Umbau kann zu einer weiteren Reduzierung der Wachstumsrate führen, aber auch zu mehr Nachhaltigkeit und höherer Qualität. „Ein leicht abschüssiger Wachstumspfad in China ist für die westlichen Ökonomien und Deutschland verkraftbar“, so die Bewertung von Dr. Bahr, Leiter Volkswirtschaft der DekaBank. Die Volkswirte der DekaBank erwarten für 2016 ein BIP-Wachstum in China von 6,5 Prozent. Die Bedeutung Chinas für deutsche Unternehmen und Investoren wird weiter zunehmen, sei es als Absatzmarkt, Exporteur oder Börsenplatz.
Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 1, Januar 2016