Deka Institutionell Investment-Konferenz 2022

Neuorientierung der Märkte partnerschaftlich meistern.

Krisenbedingte Risiken für Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie: Welchen Herausforderungen Politik, Unternehmen und Investoren jetzt gegenüberstehen.

November 2022

Es ist ein beispielloser finanzieller Kraftakt, der die Belastungen durch die stark steigenden Energiepreise abfedern soll: Die Ampel-Koalition hat sich jüngst auf eine „Gaspreisbremse“ geeinigt, für die bis zu 200 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Mit dem Abwehrschirm sollen die Strom- und Gaspreise laut Bundeskanzler Olaf Scholz „dramatisch sinken, damit sie von Bürgerinnen und Bürgern und Unternehmen bewältigt werden können.“ Hintergrund: Innerhalb weniger Monate haben sich die Börsennotierungen für Erdgas zeitweise mehr als verachtfacht. Und eine Megawattstunde Großhandelsstrom zur Abnahme im Winterquartal 2022 kostete Ende August an der Leipziger Terminbörse mit knapp 1.000 Euro über 1.100 Prozent mehr als noch im vergangenen Sommer – eine noch nie da gewesene Größenordnung.

Die galoppierenden Kosten für Energie erscheinen hierzulande nicht nur immer mehr Haushalten als existenzielle Bedrohung, sondern bringen zunehmend auch Unternehmen aus sämtlichen Bereichen der Wirtschaft an den Rand ihrer Belastungsgrenzen – selbst solche, die bisher finanziell grundsolide aufgestellt waren. Perspektivisch bedeuten kaum bezahlbare Preise für Energie nicht nur eine ernstzunehmende Gefahr für die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft und damit für die Grundlagen des Wohlstands der Menschen, sondern darüber hinaus auch für den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Anhaltende Teuerung.

Die dramatische Energiepreisentwicklung bildet nur die Spitze eines auch insgesamt außergewöhnlich dynamischen Anstiegs der Inflationsraten: So erreichte die Inflationsrate in Deutschland im September erstmals seit der Nachkriegszeit die Marke von zehn Prozent. Eine rasche Abschwächung der Teuerung ist vorerst nicht in Sicht. Darauf deuten etwa die Erzeugerpreise hin, die im August mit knapp 46 Prozent so stark gestiegen sind wie nie zuvor. Ähnlich sieht die Lage im gesamten Euroraum aus, wo die Inflation im vergangenen Monat ebenfalls bei zehn Prozent lag – und damit so hoch wie noch nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Auch die Geschwindigkeit des aktuellen Inflationsausbruchs ist historisch gesehen einzigartig. Noch im Juni 2021 lag im Euroraum die Rate unter zwei Prozent, was davor (mit einer kurzen Ausnahme) 101 Monate lang ununterbrochen der Fall gewesen war.

Die kurzfristigen Auslöser dieser Rückkehr der Teuerung sind in den Wirren der Corona-Wirtschaft und des neuen geopolitischen Schocks des Krieges in Osteuropa zu suchen. Das gesamtwirtschaftliche Angebot insbesondere in der Industrie wurde und wird hierdurch massiv behindert. Weniger diskutierte Ursachen der Inflation liegen jedoch auch auf der Nachfrageseite. Die großen fiskalischen Unterstützungspakete, die insbesondere in den USA zur Stabilisierung des Corona-Schocks binnen 18 Monaten über den privaten Sektor ausgeschüttet worden sind, haben zu einer Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Konsumnachfrage geführt, die in ihrer Konzentration auf den Gütersektor wahrscheinlich auch eine gesunde Weltwirtschaft in ihren Angebotskapazitäten überfordert hätte. Auch die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre begünstigte diese Nachfrageentwicklung durch eine mehr oder weniger direkte Finanzierung der damit verbundenen enormen Haushaltsdefizite der Staaten.

Aktuelle Situation an den Finanzmärkten.

Da die jüngste Inflationsentwicklung sowie die daraus folgenden Zentralbankreaktionen, die zu ebenso starken wie auch schnellen Zinsanstiegen geführt haben, zentrale Werttreiber für Vermögensgüter darstellen, sind alle Finanzmarktsegmente seit Beginn des Jahres in einer Phase der Neuorientierung: Die Wertentwicklungen an den Finanzmärkten zeigen weltweit deutlich nach unten und betreffen seit Ende vergangenen Jahres nahezu alle Assetklassen. Dabei erleiden auch als besonders sicher geltende, qualitativ hochwertige Staatsanleihen auffällig hohe Verluste. So haben Investoren seit Jahresanfang etwa mit Bundesanleihen aller Laufzeiten im Schnitt einen Verlust von mehr als 15 Prozent verbucht. Und die weltweite Messlatte für Staatsanleihen, der FTSE World Government Bond Index, büßte im bisherigen Jahresverlauf zeitweise sogar fast ein Viertel ihres Wertes ein, was annualisiert dem größten Minus seit mehr als 100 Jahren entspricht.

Vielbeachtete Aktienindizes wie der S&P 500 oder der DAX verloren zwar absolut gesehen ähnlich viel, sind damit aber immer noch weit von ihren bisherigen jährlichen Maximalverlusten entfernt, die sie etwa in der Zeit der Finanzkrise verzeichneten.

„Eine neue Inflationswelle könnte 2023 von einer Fortsetzung des Zinsanstiegs begleitet werden. Positive reale Sparzinsen wird es insofern in den kommenden Jahren nicht geben.“

Dr. Ulrich Kater

Chefvolkswirt der Deka

Marktausblick.

Für die Kapitalmärkte bedeutet die makroökonomische, wirtschafts- und geopolitische Gemengelage anhaltende Unsicherheit und damit die Aussicht auf weiter schwankungsintensive Jahresverläufe. Nach den kräftigen Korrekturen ist im bisherigen Jahresverlauf weder an den Anleihemärkten noch an den Aktienmärkten mit klaren Trends zu rechnen. Entscheidend für die Kapitalmärkte dürfte nun sein, ob der Inflationsprozess wieder gestoppt werden kann oder ob eine langanhaltende Phase hoher Teuerungsraten bevorsteht, womit ein neues Paradigma an den Märkten einhergehen würde. Zwar erscheint gegenwärtig eine Inflationseindämmung im Zusammenhang mit einer milden Rezessionsentwicklung als das plausibelste Szenario. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass in den kommenden Jahren erhöhte Inflationsraten und weitere Belastungen für das weltweite Wachstum auf der Agenda stehen. So dürfte die Inflation in der Eurozone wahrscheinlich länger bei über zwei Prozent bleiben. Damit können die Zinsen auf absehbare Zeit nicht wieder sinken. Eine neue Inflationswelle könnte 2023 von einer Fortsetzung des Zinsanstiegs begleitet werden. Positive reale Sparzinsen wird es insofern in den kommenden Jahren nicht geben. Daher behalten Investitionen in Sachkapital, zu denen auch Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien und entsprechenden Fonds zählen, trotz aller Kursturbulenzen ihre essenzielle Rolle für den langfristigen Vermögenserhalt.

Gesamtgesellschaftliche Implikationen.

Die Realwirtschaft muss nicht nur die Inflationsproblematik meistern, sondern steht zudem vor weiteren gravierenden Herausforderungen. So deuten sich etwa in der Struktur von Welthandel und Weltwirtschaft langfristige Veränderungen an: Jahrzehntelang waren Fachleute, die Politik und auch der größte Teil der Bevölkerung davon überzeugt, dass eine Steigerung des weltweiten wirtschaftlichen Austausches den Wohlstand erhöht. Infolgedessen wurde seit dem Zweiten Weltkrieg die internationale Arbeitsteilung immer weiter vertieft. Inzwischen aber zeichnet sich eine zunehmende „Globalisierungsmüdigkeit“ ab, die auch makroökonomisch Konsequenzen haben dürfte. Eines der Megathemen der kommenden Jahre wird für multinationale Unternehmen die Anpassung ihrer globalen Strategie sein: Für Industrieunternehmen geht es beispielsweise darum, ihre Produktionsketten durch Diversifikation der Lieferbeziehungen oder durch räumliche Verlagerung von Vorleistungsproduktionen widerstandfähiger zu gestalten. Das alles wird in einem Umfeld steigender Kapitalkosten erhebliche Investitionen erforderlich machen.

Zusätzliche Preissteigerungen im Zuge der Umstrukturierung der Weltwirtschaft könnten die aktuell bereits zu beobachtenden inflationsbedingten Wert- bzw. Kaufkraftverluste bei den Vermögen und Einkommen der Menschen weiter beschleunigen – und bergen im Extremfall das Risiko demokratiegefährdender gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Schon jetzt zeichnen sich in betroffenen Regionen der Welt politische Radikalisierungstendenzen ab, die maßgeblich auf rasant steigende Lebenshaltungskosten, sich verschlechternde Möglichkeiten zum Einkommenserwerb und sich verschärfende Verteilungskonflikte zurückzuführen sind.

So wächst derzeit die Zustimmung zu nationalistischen und rechtspopulistischen Parteien in mehreren europäischen Ländern: In Frankreich fehlten im Frühjahr nur wenige Prozentpunkte, und die rechtsradikale Marine Le Pen wäre Staatspräsidentin geworden. In Italien hat das Bündnis um die rechtsextremistische Partei Fratelli d‘Italia Ende September die Parlamentswahlen gewonnen. Und die AfD konnte nicht nur jüngst bei den Landtagswahlen in Niedersachsen ihr Ergebnis von 2017 nahezu verdoppeln, sondern könnte aktuellen Umfragen zufolge auch bei den nächsten Bundestagswahlen zulegen. Setzen sich diese Tendenzen fort, droht Europas Staaten zunehmend ein Rückfall in nationalen Egoismus und eine wachstumsschädliche ökonomische Abschottung.

Wachsender Diskussions- und Handlungsbedarf.

Die Welt und unsere gemeinsamen Werte befinden sich im Wandel. In der Politik, den Unternehmen und der Gesellschaft nimmt damit der Diskussions- und Handlungsbedarf zu, um die Zukunftsfähigkeit unserer wirtschaftlichen Grundlagen zu stärken – und damit maßgebliche Weichen für ein stabiles demokratisches System von morgen zu stellen.

Einblicke, Meinungen und Perspektiven zu diesen Themen erhielten institutionelle Investoren auf der diesjährigen „Deka Institutionell Investment-Konferenz“ im November in Oberursel. Die jährlich stattfindende Veranstaltung bietet eine Plattform für den persönlichen Austausch, auch mit ausgewiesenen Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Disziplinen.


Interviews und Berichte von der Deka Institutionell Investment-Konferenz 2022 finden Sie in Kürze hier auf deka-institutionell.de

Weitere interessante Artikel