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„Steigende Nachfrage nach valueorientierten Anlagestrategien“

Angesichts anhaltender Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und weiterhin niedriger Zinsen sind Aktieninvestments weiterhin im Fokus vieler institutioneller Anleger. Bereits in den letzten Jahren haben Großanleger ihren Aktienanteil im Depot deutlich ausgebaut. Sven Thießen (Leiter quantitative Aktienprodukte) und Philipp Spormann (Fondsmanager Globale Aktien) von Deka Investment nehmen jeweils aus Sicht des quantitativen sowie des fundamentalen Fondsmanagements Stellung zu vier aktuellen Themen, die institutionelle Anleger bewegen.

November 2021

Das Fondsmanagement der Deka setzt bei ihrer Aktienauswahl auf fundamentale sowie quantitative Analyseprozesse. Können Sie bitte jeweils Ihre Herangehensweise anhand des Themenschwerpunkts „Künstliche Intelligenz“ (KI) erklären?

Spormann: Den Themenschwerpunkt „Künstliche Intelligenz“ sehen wir im fundamentalen Fondsmanagement als Investitionschance für unsere Kunden. Seit Juli 2021 existiert ein Publikumsaktienfonds mit diesem Themenschwerpunkt. Investitionsfelder sind Unternehmen, die die KI-Infrastruktur zur Verfügung stellen, Unternehmen die KI-Anwendungen (meistens Software) anderen Firmen zur Verfügung stellen und KI-Profiteure aus allen Industrien, die KI zielgerichtet einsetzen, um einen Wettbewerbsvorsprung in ihrem Sektor zu verteidigen oder zu erlangen. Mit Künstlicher Intelligenz können durch intelligente Systeme Entscheidungen schneller, effizienter und kostengünstiger getroffen werden. Neben dem Kosteneinsparungspotential nutzen viele Unternehmen jetzt schon KI, um bestehende Produktionsprozesse zu optimieren und/oder neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei fungiert KI wie eine Basistechnologie á la Elektrizität oder Internet.

Thießen: KI ist ein wichtiges Forschungsfeld in unserem akademischen Research da sie Instrumente liefert um neue Informationsquellen zu erschließen und komplexe Zusammenhänge an den Kapitalmärkten besser zu verstehen. In der praktischen Umsetzung muss man jedoch sehr genau prüfen, welche ökonomischen Erklärung hinter gefundenen Mustern stehen können, um nachhaltige Strategien ableiten zu können. Ein von uns genutztes Vorgehen analysiert beispielsweise die Kommunikation von Unternehmen. Mit Hilfe des Natural Language Processing (NLP) können Texte automatisch analysiert und positive Aussagen von negativen getrennt werden.

Value oder growth – das ist eine Frage, die schon Generationen von Fondsmanagern beschäftigt. Welcher Investmentstil bevorzugen Sie in der aktuellen Situation?

Spormann: In den letzten fünf Jahren hat der Aktienmarkt massiv jene Firmen belohnt, deren Geschäft sehr stark wächst. Diese Entwicklung stützt sich auf drei Treiber:

  • Sinkende Zinsen erhöhen den Barwert, also den heutigen Wert von weit in der Zukunft liegenden Zahlungen.
  • Viele im historischen Vergleich günstige Bereiche sind mit strukturellen Problemen konfrontiert – beispielsweise Banken und Energie -, so dass der Markt an der Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle zweifelt.
  • Die Wachstumsunternehmen von heute (beispielsweise IT) haben viel bessere Geschäftsmodelle als Wachstumsunternehmen in der Vergangenheit. Sie haben höhere Gewinnmargen und sind weniger kapitalintensiv.

Eine Trendwende ist vor allem dann denkbar, wenn sich an den ersten beiden Punkten etwas ändert.

Sven Björn Thießen

Thießen: Die fundamentale Bewertung ist auch bei unseren Quantitativen Anlagestrategien ein sehr wichtiger Baustein. Letztlich sind die zukünftigen Unternehmensgewinne auf mittel bis langfristige Sicht der wichtigste Treiber für die Wertentwicklung von Aktien. Der Charme von wachstumsorientierten Anlagestrategien liegt darin, dass ein Unternehmen mit überdurchschnittlichem Gewinnwachstum auch überdurchschnittliche Kursgewinne erzielen kann, ohne dass seine Bewertung gemessen an Kennzahlen wie beispielsweise dem KGV steigt. Das führt dazu, dass viele Anleger bereit sind, einen höheren Preis für ein Unternehmen mit höherem erwartetem Gewinn zu bezahlen. Das ist zunächst einmal unproblematisch, solange dieser Bewertungsaufschlag das überdurchschnittliche Gewinnwachstum des Unternehmens adäquat reflektiert. Langfristige akademische Studien lassen jedoch darauf schließen, dass am Aktienmarkt häufig ein zu hoher Preis für das erwartete Wachstum bezahlt wird, was das Anlageergebnis negativ beeinflusst, wenn die hochtrabenden Gewinnerwartungen enttäuscht werden. Diese Studien zeigen, dass der Fokus auf Value und das Vermeiden von Bewertungsrisiken langfristig besonders erfolgreich ist. Derartige Strategien hatten in den letzten zehn Jahren einen schweren Stand. Viele Unternehmen, insbesondere aus dem Technologiebereich, konnten in dieser Zeit ihre Gewinne sehr stark steigern und wachstumsorientierten Anlegern hohe Kursgewinne bescheren. Dabei wird aber am Markt ein immer höherer Preis für erwartetes Wachstum bezahlt und in einzelnen Bereichen haben sich extreme Bewertungsrisiken aufgebaut. Aus diesem Grund erwarten wir eine wieder steigende Nachfrage nach valueorientierten Anlagestrategien und werden unsere Produktpalette im nächsten Jahr um eine Globale Valuestrategie ergänzen.

Aktuell sondiert die mögliche Bundesregierung in Berlin den neuen Regierungskurs. Bei Klima-, Steuer- oder Rentenpolitik könnten deutliche Veränderungen anstehen. Welchen Einfluss hat die neue Regierung auf künftige Entscheidungen des Fondsmanagements?

Spormann: Eher einen indirekten Einfluss. In Analyse und Fondsmanagement ist entscheidend wie die konkrete Politik auf das Geschäft der Firmen auswirkt. Durch Regulierung oder direkte Subventionen können sich in einigen Bereichen Nachfrageschübe ergeben, wie etwa bei erneuerbaren Energien, Wohnungsbau, oder ähnliches. Für andere Unternehmen kann das Umfeld aber auch schwerer werden, wenn etwa Energiepreise steigen. Für die Frage des generellen Konjunkturausblicks ist allerdings wichtig, ob eher eine expansive oder restriktive Finanzpolitik gefahren wird. In Deutschland und Europa wurden zum Beispiel öffentliche Investitionen in der letzten Dekade recht restriktiv bestritten.

In diesem Zusammenhang stellt sich ferner die Frage, worin liegt der Mehrwert eines Themenfonds gegenüber direkten Aktieninvestments?

Spormann: Bei Themenfonds profitiert der Anleger davon, dass Fondsmanager und Analysten ihr Fachwissen, ihre Erfahrung und ihren Zugang zu den Unternehmen selbst in die Portfoliokonstruktion und Aktienauswahl einfließen lassen. Zusätzlich verspricht der Themenfonds eine größere Diversifizierung über verschiedene Unternehmen, auch solche die vielleicht weniger offensichtlich vom Investmentthema profitieren.

Philipp Spormann

Fondsmanager Globale Aktien.

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