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An Aktien kommt man nicht vorbei.

Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden, da sorgt der Ukraine-Krieg für die nächste Belastungsprobe der Wirtschaft. Was folgt daraus für die Asset Allokation? Sicher ist, ohne Aktien wird es nicht gehen. Worauf es bei der Auswahl ankommt, erläutern Joachim Schallmayer und Philipp Spormann.


Mai 2022

Der russische Angriff auf die Ukraine hat das vorsichtig optimistische Stimmungsbild vom Jahresanfang abrupt geändert. Bislang ist kaum abzuschätzen, wie sich der Krieg auf Wirtschaft und Unternehmen auswirken wird.

Für den Kapitalmarktausblick der kommenden Jahre heißt das: mehr Unsicherheit und höhere Kursschwankungen. In der Summe führt das über die Anlageklassen hinweg zu niedrigeren realen Ertragspotenzialen. Trotz hoher Schwankungen führt an Aktien kein Weg vorbei.

Auch Aktien sind tendenziell durch die konjunkturelle Unsicherheit belastet. „Kurzfristig bleibt der Aktienmarkt extrem stark vom geopolitischen Nachrichtenfluss abhängig und wird versuchen, sich im neuen Umfeld zu justieren“, meint Joachim Schallmayer, Leiter des Teams Kapitalmärkte und Strategie im Makro Research der Deka. Das werde nur unter hohen Schwankungen gelingen. „Erst wenn auf der geopolitischen Seite erste Anzeichen einer wie auch immer gearteten Stabilisierung erkennbar sind, werden sich die mittel- bis längerfristigen Folgewirkungen für die Konjunktur und die Unternehmen abschätzen lassen.“

Trotzdem ist Schallmayer derzeit für Dividendentitel optimistisch: „Die Weltwirtschaft wächst zwar langsamer, eine globale Rezession ist aber nicht in Sicht, solange es zu keinem Öl- und Gasembargo kommt. Euroland, vor allem aber Deutschland werden für den Fall eines Gasembargos zwei sehr schwache Wachstumsjahre bevorstehen. Die Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen sollte nicht unterschätzt werden. Sie wird dazu führen, dass Unternehmen weiter direkt an der realwirtschaftlichen Expansion partizipieren. Anlegerinnen und Anleger sind deshalb im Aktienmarkt besser aufgehoben als im Rentenmarkt.“

Eine Einschätzung, die Philipp Spormann teilt: „Auch, wenn es in den nächsten Monaten schwer wird, kommt man an Aktien nicht vorbei“, so der Aktienstratege der Deka.

Mischung aus Sektoren und Einzeltiteln.

Die beiden Deka-Experten erwarten, dass es an den Aktienmärkten eine große Spreizung zwischen den Stilrichtungen, vor allem aber auf Einzeltitelebene geben wird. „Höhere Zinsen setzen insbesondere hoch bewertete Aktiensegmente unter Druck. Diese Entwicklung ist zum Beispiel im Growth-Segment bereits in vollem Gange. Hier wird die Bewertungsausweitung jetzt schlagartig abgebaut. Bei den erwarteten steigenden Zinsen könnten sich Wachstumswerte in den kommenden Jahren eher schwertun, an die starke Outperformance der letzten Jahre anzuknüpfen“, erklärt Schallmayer. Er richtet den Blick auf die Value-Segmente der Aktienmärkte: „Value-Titel haben in den vergangenen Monaten bereits ein kleines Revival erfahren, was sich bei ausreichend stabilem Wachstum fortsetzen dürfte. Die diesem Segment zugeordneten Titel sind sehr heterogen und reichen von Banken, Rohstoffen und Energie bis zum Pharmabereich.“

Das Umfeld dürfte volatil bleiben. Schallmayer rät deshalb, sowohl defensive als auch zyklische Sektoren zu berücksichtigen. Er bevorzugt bei den defensiven Sektoren Pharma und Telekommunikation gegenüber Nahrungsmittelunternehmen und stabilen Konsumgütern: „Pharma- und Telekommunikationsunternehmen haben schon in vergangenen Krisen ihre Stabilität unter Beweis gestellt und sind steigenden Einkaufspreisen weniger stark ausgesetzt als Unternehmen im Konsumgüterbereich, die hohe Preise nur bedingt an Endkunden weitergeben können.“ Bei zyklischen Bereichen setzt er, ebenso wie Philipp Spormann, auf Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Energie und Rohstoffe.

Comeback der Old Economy.

Zur Begründung verweist Spormann auf Unterschiede zwischen der heutigen Situation und der Finanzkrise 2008: „Die Lehman-Pleite hat zu einem Nachfrageschock geführt. Plötzlich gab es ein Überangebot an Kapazitäten, das die letzte Dekade geprägt hat. Profitiert haben davon vor allem Unternehmen, wie etwa Tech-Werte, in deren Geschäftsmodell die Frage der Ressourcenauslastung keine oder nur eine geringe Rolle spielt. Diese Unternehmen sind stark an den US-Börsen vertreten, was den nordamerikanischen Börsenplätzen in der letzten Dekade zu guten Wertentwicklungen verholfen hat.“

Der Krieg und die Corona-Pandemie haben das Bild geändert: „Heute haben wir einen Angebotsschock“, meint Spormann. „Plötzlich gibt es von allem zu wenig: zu wenig Arbeitskräfte, zu wenig Rohstoffe und zu wenig Ersatzteile. Die Investitionsnachfrage wird wichtiger als die Konsumnachfrage.“ Profitieren könnten davon vor allem zyklische Sektoren wie Stahl, Automobilbau oder Rohstoffe. „Und die spielen traditionell an den europäischen Börsen eine größere Rolle als in den USA.“ Tatsächlich könnte nach dem Ukraine-Krieg also die Stunde der europäischen Aktien schlagen, sofern den prominenten Ankündigungen von Investitionsprogrammen auch Taten folgen.

Selektive Auswahl wichtig.

Und noch ein weiterer Aspekt ist Spormann beim Blick nach vorne wichtig: „Der Ukraine-Krieg beschleunigt Entwicklungen, die schon im Gange sind, wie die Energiewende. Wir versuchen, über die akute Krise hinauszuschauen und zu sehen, welche Sektoren und Unternehmen langfristig dafür am besten aufgestellt sind.“ So sollten Investierende bei der Energiewende nicht nur Hersteller von Windkraft- oder Photovoltaikanlagen im Blick haben: „Es geht bei der Energiewende um den Aufbau einer komplett neuen Infrastruktur, gebraucht werden also auch Kabel, Speicher und nicht zuletzt Baustoffe.“ Hinzu kommen Chancen in Sektoren, die vor einer möglichen Neubewertung durch den Markt stehen. Von einer strafferen Geldpolitik könnten Banken profitieren, deren Zinsmargen viele Jahre dahingeschmolzen sind. Ihre Bilanzen sind so stark wie lange nicht und ermöglichen hohe Ausschüttungen.

Eine sorgfältige Analyse und Auswahl von Einzeltiteln bietet nach Meinung der beiden Deka-Experten dabei die größten Investmentchancen – entweder auf Basis fundamentaler Unternehmensanalysen oder durch die gezielte Selektion der gewünschten Aktienfaktoren. Mit einem ausgewogenen Portfolio von hoher Qualität lassen sich aus ihrer Sicht die Renditechancen von Aktien sichern und gleichzeitig die erwarteten Unsicherheiten und die daraus resultierenden Kursausschläge abfedern.

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