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Risiko Zinsanstieg
Verlustfreie Bewertung des Bankbuches

Am 30. August 2012 veröffentlichte das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) den finalen Standard zur verlustfreien Bewertung des Bankbuches „IDW RS BFA 3“. Seither sind Kreditinstitute verpflichtet, drohende Verluste aus schwebenden Geschäften in die bilanzielle Bewertung einzubeziehen. Dies könnte sich perspektivisch zu einer Heraus­forderung der GuV-Steuerung entwickeln.


LARS MOHLAU
Vertrieb Institutionelle Kunden Sparkassen,
Strategische Eigengeschäftssteuerung & ALM


 

Zinsswaps und deren Bewertung im Rahmen der Zinsbuch­steuerung erfahren seit jeher eine besondere Betrachtung durch die Wirtschaftsprüfer. Während in der Vergangenheit die Bildung so genannter Mikro- und Makrohedges zur Dokumentation von Bewertungs­einheiten herangezogen wurden, steht heutzutage
das Zinsbuch als Ganzes im Mittelpunkt einer bilanziellen Bewertung.


Die bis 2009 geltende Konvention, dass Zinsderivate, die insbesondere zur Absicherung von Zinsänderungs­risiken im Rahmen der Bankbuch­steuerung im Anlagebuch zum Einsatz kommen, nicht der Einzel­bewertung unterliegen, stand jedoch einer ganzheitlichen Betrachtung entgegen.

 

Herausforderungen der Zinsbuchsteuerung
Quelle: Deka; Stand: April 2017

Aus Sicht der Wirtschaftsprüfer erschien es daher notwendig, derivative Positionen, welche nicht bilanziert werden, in den periodischen Bewertungs­ansatz zu integrieren. Grundlage für diese Forderung bildete das Bilanz­modernisierungs­gesetz (BilMoG) vom 25. Mai 2009. Hinter diesem Ansatz steckt die offensichtlich von der Deutschen Bundesbank geteilte Sorge, dass aus Fristen­inkongruenzen durch Derivate­einsatz im gesamten Bankbuch Belastungen entstehen, die bilanziell erst in Zukunft sichtbar werden.


In dem 9-seitigen Rundschreiben (IDW RS BFA 3) wird dargelegt, wie eine Bank das Zinsbuch auf stille Reserven oder gar Lasten hin untersuchen soll und wie gegebenenfalls eine Rückstellungs­bildung im Rahmen dieser umfassenden Betrachtung zu erfolgen hat. Dabei sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Dazu zählen zum Beispiel die Verwendung laufzeit­äquivalenter Marktzinsen zur Ermittlung des Barwertes der relevanten Bilanz­positionen, das Ansetzen der für das Bestands­geschäft anfallenden barwertigen Kosten (Risiko- und Verwaltungskosten) oder die Berück­sichtigung aller „Zinsderivate, die im Rahmen der Steuerung des Zins­änderungs­risikos im Bankbuch kontrahiert werden“.


Darüber hinaus müssen die Annahmen der Modellierung „in Übereinstimmung mit dem internen (Zins-)Risiko­management erfolgen“. Ferner müssen Reserven nach § 340f HGB buchwert­erhöhend angesetzt werden. Im Anhang zum Jahres­abschluss und in der Bericht­erstattung im Lagebericht gilt es, die verwendeten Verfahren zu erläutern und es ist zu prüfen, ob eine Droh­verlust­rückstellung zu bilden ist.


Letzteres, die Bildung einer Droh­verlust­rückstellung, ist jedoch nicht notwendig, solange das so genannte Bankbuch in sich keinen „Verpflichtungs­überschuss“ aufweist.

 

Stellschrauben und Einflussfaktoren auf potenzielle Drohverlustrückstellungen

Grundsätzlich dürften die Berechnungen im Rahmen der verlustfreien Bewertung in den zurückliegenden Jahren bei keiner Sparkasse zu Problemen, also zu Droh­verlust­rückstellungen, geführt haben. Der Zins­senkungs­zyklus und die sich anschließende Niedrig­zins[-|phase generierten bei nahezu jeder Sparkasse stille Reserven. Erkennbar ist dies in der stetigen Ausweitung des Zins­buch­barwertes.


Aber auch wenn das Zinsbuch momentan „satte“ Reserven aufzeigt, sollte dies im Rahmen von Stress­tests kritisch reflektiert werden. So sollten Sparkassen kritisch hinterfragen, wie sich Ausschüttungen, Neugeschäfts­margen, Kosten und mögliche Zins­erhöhungen auf die stillen Reserven des Zinsbuches auswirken.


Bei „Ausschüttungen“ mit Wirkung auf den Zins­buch­barwert zum Beispiel handelt es sich um realisierte zins­abhängige Erträge. Dies sind in erster Linie Kuponzahlungen von Wertpapieren sowie Zinszahlungen im Kundengeschäft (aktiv / passiv).


Nachfolgendes Beispiel soll den Wirkungs­zusammenhang verdeutlichen. Im Wertpapier­eigenbestand befindet sich ein Pfandbrief mit vierjähriger Restlaufzeit. Der Kupon beträgt zwei Prozent. Kurz vor Kuponzahlung beträgt der Barwert der Anleihe in unserem Beispiel 108 Prozent (dirty price). Nach Kuponzahlung reduziert sich der Barwert um den Kupon auf 106 Prozent. Die erfolgte Zinszahlung wird nun nicht mehr im Zinsbuch, sondern in der GuVder Sparkasse ausgewiesen. Fazit: Die Realisierung von Ausschüttungen führt c.p. zur Reduzierung des Zins­buch­barwertes bzw. der stillen Reserven.


Aber auch die Wirkung von Margen­barwerten im Neugeschäft ist zu berücksichtigen. Dem oben erläuterten „Verzehr“ der Zins­überschüsse wirken neu generierte Margen­beiträge entgegen. Auch dazu ein Beispiel: Eine Sparkasse reicht ein Wohnungs­bau­darlehen mit zehnjähriger Festzins­bindung aus. Die Marge beträgt – unter Berücksichtigung von Ausfall- und Betriebskosten – 0,3 Prozent. Der Buchwert des Darlehens beträgt 100 Prozent, der Barwert hingegen rund 102,50 Prozent. Es wurde somit ein Margen­barwert von 2,5 Prozent generiert. Fazit: Ein Neugeschäft mit positiver Marge erhöht c.p. den Zins­buch­barwert, negative Margen (evtl. aus dem Volumen­zuwachs variabler Einlagen) reduzieren ihn dagegen.


Ferner gilt es, die Kosten zu beachten. Denn nach der Kompensation der stillen Reserven und Lasten des Zins­buches ist der verbleibende Barwert um erwartete Risiko­kosten (barwertige Ausfallrisiken) und barwertige Verwaltungs­kosten zu reduzieren.


Und schließlich sind potenzielle Zins­erhöhungen einzukalkulieren. Ein Indikator für die Sensibilität des Zins­buches ist der Basel-II-Zinsshift (+200 BP). Auch wenn dieses Szenario aufgrund der Ad-hoc-Anwendung eher unrealistisch erscheint, liefert es eine Orientierung, wie sich die vorhandenen stillen Reserven im Vergleich zum Buchwert verändern.


Die Simulation der angeführten Sachverhalte könnte in einem Stresstest aufzeigen, unter welchen Bedingungen die Sparkasse gegebenenfalls Droh­verlust­rückstellungen bilden muss. Das Negativ­szenario dürfte für die Mehrheit der Sparkassen eine Kombination aus anhaltender Niedrig­zins­phase (über zwei Jahre) und anschließendem starken Zinsanstieg sein.


Sparkassen stehen damit der Heraus­forderung gegenüber, die Steuerung der Zins­änderungs­risiken aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.


Dies erschwert den Prozess der strategischen Allokation und der Frage nach dem richtigen Maß an Fristen­transformation, welche sich im Zinsbuch widerspiegelt.


Auswertungen des Deka Treasury-Kompasses zeigen unter den Sparkassen ein gewohnt heterogenes Bild. Der Anteil des Zins­buch­volumens an der Gesamtallokation des „Treasuryvermögens“ liegt bei den 231 Instituten, die sich 2016 am Deka Treasury-Kompass beteiligt haben, zwischen 20 und 90 Prozent (siehe Grafik).

 

Anteil der Zinsrisiken im Verhältnis zur Gesamtallokation
Ergebnisse aus dem Deka Treasury-Kompass 2016

Quelle: Deka Treasury-Kompass 2016; Stand: Juni 2016

Insbesondere in den Instituten mit einer hohen Gewichtung der Zins­risiken lohnt sich die Diskussion um die Adjustierung der Kapital­allokation. Das Feedback aus den Gesprächen zum Deka Treasury-Kompass zeigt uns, dass eine „dosierte“ Reduzierung der Zins­abhängigkeit bereits Teil der strategischen Planungen ist.


Dosierte Schritte zur Reduzierung der Zinsabhängigkeit

Hierfür lassen sich verschiedene Ansätze verfolgen. Zum Beispiel die Reduzierung der Zins­änderungs­risiken durch den Einsatz von Derivaten (also Swaps und Swaptions), eine Verbesserung der Ertrags- / Risikorelation durch Ausweitung der Diversifikation des Treasury­vermögens oder die Nutzung von Fondshüllen zur Umsetzung strategischer Impulse und zur Ertrags­thesaurierung.


In diesem Kontext sind allerdings auch einige Fragen zu klären. Zum Beispiel, wie sich die Impulse auf die GuV-Erträge auswirken. Wie möglicherweise rückläufige Zinserträge oder Absicherungs­kosten kompensiert werden können. Wie sich das Chancen-Risiko-Profil der strategischen Ausrichtung verändert. Oder welche Auswirkungen die Impulse auf die Kapital­unterlegung gemäß Säule 1 (CRR + SREP) und Säule 2 (RTF) haben.


Fazit: Das IDW-Rundschreiben RS BFA 3 hat zurzeit vermeidlich kaum Auswirkungen auf die Institute, werden doch oftmals hohe stille Reserven ausgewiesen. Ein Zinsanstieg kann hier jedoch schnell zu einer veränderten Situation führen. Die Geschäfts­leitung sollte sich an dieser Stelle in der Ausgestaltung der Risiko­freudigkeit neben dem SREP-Kapitalzuschlag auch daran orientieren, welchen Zinsanstieg die aktuelle (barwertige) Zins­risiko­position „verkraften“ kann, ohne auch bilanzielle Verluste zu erzeugen.


Es wird deshalb in Zukunft noch stärker darauf ankommen, die regulatorische, periodische und ökonomische Steuerungs­perspektive eng aufeinander abzustimmen. Die Weiter­entwicklung einer risikoorientierten Gesamt­bank­steuerung hat längst die Bilanzierung und die Kapital­planung erreicht. Die DekaBank verfügt mit dem Deka Treasury-Kompass bereits heute über ein Instrument, die Auswirkungen von Steuerungs­impulsen aus den dargestellten Perspektiven zu beleuchten und daraus Handlungs­empfehlungen abzuleiten. Als Steuerungs­berater der Sparkassen ist es uns wichtig, bei der Beantwortung der daraus abgeleiteten Fragestellungen wesentlich zu unterstützen.

Markt & Impuls - Für Sparkassen - Ausgabe 2, Mai 2017