Russland-Ukraine-Krieg

„Der Krieg in der Ukraine erhöht das Stagflationsrisiko für Europa“

Die Schreckensmeldungen aus der Ukraine werden mit dem Vormarsch russischer Truppen von Tag zu Tag beängstigender. Das aggressive Auftreten Russlands erschüttert die geopolitische Grundordnung und belastet insbesondere die Konjunktur in Europa. Worauf Anlegende im aktuellen Umfeld achten sollten.

08. März 2022

Der Krieg in der Ukraine hinterlässt auch an den Märkten deutliche Spuren: Die Risikoaversion ist gestiegen und Aktien sowie Unternehmensanleihen haben starke Kursverluste zu verkraften. Dagegen zogen die Notierungen an den Rohstoffmärkten im Zuge der verhängten Sanktionen massiv an. Der Gaspreis hat sich seit Ausbruch des Krieges mehr als verdoppelt und das Fass Rohöl ist in der Spitze bis auf 130 US-Dollar gestiegen und liegt damit etwa 60 Prozent über dem Niveau von Jahresanfang. Dies verstärkt den ohnehin hohen inflationären Druck und reduziert die Kaufkraft des Konsumenten. Das Wirtschaftswachstum im Euroraum und für Deutschland droht sich im laufenden Jahr auf unter 2 Prozent abzukühlen, während die Verbraucherpreise im Durchschnitt um mehr als 5 Prozent anziehen dürften. Dies sorgt auf Seiten der Unternehmen, neben sich möglicherweise noch verschärfenden Lieferengpässen, zusätzlich für Herausforderungen. Die Erzeugerpreise im Euroraum sind gegenüber Vorjahr zuletzt um 30 Prozent gestiegen, doppelt so hoch wie die bisherige Bestmarke aus den 70er Jahren, und belasten die Gewinnmargen. Aber auch die Geldpolitik befindet sich in einem regelrechten Dilemma. Die Hoffnung auf einen zeitnahen Rückgang in der Inflation hat sich endgültig zerschlagen und die Notenbanken sehen sich gezwungen die Zinsen in eine konjunkturelle Abkühlung hinein zu erhöhen. Dies droht das Wachstum zusätzlich zu belasten und erhöht das Risiko einer Stagflation insbesondere hier in Europa.

Was gilt es in der aktuellen Situation für Anlegende zu beachten?

Während sich die Kursverluste am US-Aktienmarkt mit aktuell -12 Prozent noch in Grenzen halten, kamen die Notierungen in Europa deutlich stärker unter Druck. DAX und Euro Stoxx 50 haben seit Jahresanfang bereits 20 Prozent an Wert verloren und die Volatilität hat mit 60 zuletzt einen Extremwert erreicht. Ein Niveau, das in früheren Stressphasen oftmals für eine starke Erholungsbewegung gesprochen hat. Lediglich während der Finanzmarktkrise 2008/09 und der Corona-Pandemie 2020 ist die Volatilität kurzzeitig sogar bis auf 80 beziehungsweise 90 gestiegen.

Aber auch die Bewertung europäischer Aktien hat sich deutlich verbessert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag zu Jahresanfang noch bei 17 und ist mittlerweile bis auf 12 gefallen. Sollte es zu keinem nachhaltigen Energiepreisschock und einem Abrutschen des Euroraums in die Rezession kommen, scheint die Bewertung hierzulande auf dem aktuellen Niveau zunehmend attraktiv. Dies gilt auch für die Einschätzung von Unternehmensanleihen. Die Risikoprämien sind in Folge starker Mittelabflüsse und fehlender Handelsliquidität auf die Hochs von 2016 und 2019 angestiegen und nähern sich damit sukzessive dem rezessiven Bereich. Auch wenn an den Märkten bereits ein hohes Ausmaß an negativen Entwicklungen eingepreist scheint, bleibt eine breit diversifizierte Investmentstrategie über verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen im aktuellen Umfeld weiterhin ratsam. Dies schließt auch die Beimischung von Gold im Portfoliokontext ein. Das „Krisenmetall“ ist seit Ende Januar um 12 Prozent gestiegen und profitiert von einem zunehmend inflationären Umfeld. Aber auch traditionelle Staatsanleihen sollten nicht komplett außen vor bleiben. Zwar ist im Jahresverlauf im Zuge der geldpolitischen Straffung weiter mit moderat steigenden Renditen zu rechnen. Die vergangenen Wochen haben jedoch gezeigt, dass in Phasen hoher Risikoaversion sowohl Bundesanleihen als auch US-Treasuries weiter als „sichere Häfen“ gesucht sind.

Drohendes Energieembargo könnte für Rezession in Europa sorgen.

Lässt man das absolute „Worst-Case-Szenario“ einer potenziellen NATO-Beteiligung in der Risikobetrachtung außen vor, geht derzeit die größte realwirtschaftliche Gefahr von einem „Energiepreisschock“ aus. Die hohe Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten – gut die Hälfte der Gas- und fast 40 Prozent der Öllieferungen kommen aus Russland – kann kurzfristig nicht durch andere Quellen kompensiert werden. Sollte es zu Sanktionsverschärfungen und einem russischen Energieembargo oder aber einem einseitigen Lieferstopp kommen, wäre ein Abrutschen Europas in die Rezession kaum zu verhindern. Einer der verlässlichsten Marktindikatoren für einen bevorstehenden konjunkturellen Einbruch – die Steilheit der US-Zinskurve – hat sich zuletzt deutlich eingetrübt, deutet aber noch keine unmittelbare Gefahr an. Erst wenn eine inverse Kurvenlage vorliegt, muss auf Sicht von 12 bis 18 Monaten mit einer Rezession gerechnet werden. In der Historie hat sich die Kurve mit Beginn eines Zinserhöhungszyklus jedoch stets weiter verflacht. Verglichen mit der Inflation reagierte die US-Notenbank allerdings auch noch nie so spät wie heute. Selbst 1977 erfolgte der erste Zinsschritt bei einer Teuerungsrate von knapp unter 7 Prozent. Der damalige Chef der Federal Reserve Paul Volcker katapultierte den Leitzins im weiteren Verlauf sogar bis auf 19 Prozent um die Inflation nachhaltig zu durchbrechen.