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Abnahme

Research und Märkte

Wachstum in den Schwellenländern – aber auch an den Finanzmärkten?

Lange waren Schwellenländer als verlängerte Werkbank stark abhängig von der konjunkturellen Entwicklung der Industriestaaten. Viele institutionelle Investoren nutzten sie auch deshalb bestenfalls als taktische Beimischung. Aber zuletzt ist das Interesse gestiegen, vor allem die Rolle Chinas und Südkoreas in der Weltwirtschaft prägt nun das Bild. Ist es Zeit für eine grundsätzliche Neubewertung der Anlageklasse? Janis Hübner von der Deka liefert eine Einordnung.

Juli 2026

Im April 2026 verstarb der amerikanische Investor Dr. Mark Mobius. Er war einer der ersten westlichen Investoren, die gezielt nach Beteiligungsmöglichkeiten in den sich entwickelnden Volkswirtschaften Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas suchten. Aufgrund der oft abenteuerlichen Anreise, die er ab den 1990er Jahren zu den Unternehmen in der untergehenden Sowjetunion oder in den aufstrebenden Metropolen Asiens unternahm, verliehen ihm Journalisten den Spitznamen „Indiana Jones der Geldanlage“.

Von diesem exotischen Nischendasein sind die globalen Schwellenländer, die Emerging Markets, heute weit entfernt. China und Südkorea etwa zählen nach BIP zu den größten Volkswirtschaften der Welt, im Bereich der Schlüsseltechnologien ist China dem Australian Strategic Policy Institute zufolge mittlerweile in 66 von 74 Bereichen führend, und der globale KI-Boom wäre ohne Halbleiter aus Taiwan nicht möglich.

Regionale Unterschiede sind entscheidend.

Für Janis Hübner, Emerging-Markets-Analyst bei der Deka, sind mit Blick auf die Schwellenländer die regionalen Unterschiede maßgeblich: „Die Schwellenländer als Gruppe weisen in den vergangenen 30 Jahren zwar ein verhältnismäßig besseres Wachstum auf als die Industrieländer. Dahinter steckt aber, neben allgemeinen Nachholeffekten, vor allem Asien, getrieben durch die Entwicklung in China.“ Auch die früheren Konvergenzstaaten Mittel- und Osteuropas, die der EU beigetreten seien, böten ein positives Bild. Aber die Regionen verzeichneten eben keine gleichmäßige Entwicklung, betont er: „In Lateinamerika und Afrika ist sie eher ernüchternd.“

Das größte Manko aus Hübners Sicht ist, dass die Schwellenländer bis heute nicht geschafft haben, sich von der Konjunkturentwicklung der Industrienationen unabhängig zu machen: „Die Entwicklung einer kaufkräftigen Mittelschicht ist, außer in China, in der Breite nicht so schnell vorangeschritten wie erwartet.“ Und auch in China trage der Binnenkonsum in Folge der Immobilienkrise nach wie vor nicht ausreichend zum Wachstum bei, weshalb Peking den Export weiter forciere. Auch die Erfolgsgeschichten in Vietnam, Taiwan, Südkorea oder Malaysia hingen in erster Linie am Export: „Damit spielt für sie weiterhin eine wichtige Rolle, was in den USA oder Europa passiert.“

Aktien: Asien dominiert.

Und trotzdem: Angesichts hoher Bewertungen in den USA und der konjunkturellen Schwäche in Europa sind die Schwellenländer bei Investoren zu einer gefragten Diversifikationsalternative geworden. So konnte der MSCI Emerging Markets die Schocks des Liberation Day und des Konfliktes am Persischen Golf vergleichsweise gut absorbieren.

„Dabei müssen wir uns zunächst im Klaren darüber sein, dass wir bei Schwellenländeraktien in erster Linie von asiatischen Titeln sprechen“, stellt Hübner klar. Denn Taiwan, Südkorea, China und Indien machen zusammen schon rund 80 Prozent des Index aus. Die Stärke einer Volkswirtschaft schlage sich dabei an den Börsen nicht unbedingt nieder: „Indien hat Quartal für Quartal überrascht, aber das hat dem Aktienmarkt zuletzt nicht geholfen. Die oft gezogene Gleichung „starke Wirtschaft = starke Börse“ geht in den Schwellenländern so nicht auf.“ Auch an den Schwellenländerbörsen sind es derzeit vor allem die Themen künstliche Intelligenz und Halbleiter, die den Markt treiben, mit Technologietiteln wie Samsung (Südkorea) oder TSMC (Taiwan). „Die starke Aktienmarktentwicklung ist aktuell begrenzt auf nur wenige Titel und Themen.“

Anleihen: Bemühungen um wirtschaftliche Stabilität.

Auf der Anleihenseite war das Interesse der Investoren an Emissionen aus den Schwellenländern nach einem starken Jahr 2025 zuletzt eher rückläufig – trotz anhaltender Diskussionen um die Zukunft des US-Dollar oder von US-Treasuries als „Safe Haven“. Ausschlaggebend dafür dürfte vor allem die Renditeentwicklung „sicherer“ Anleihen sein. Hübner sieht aber auch eine mangelnde Markttiefe und zu niedrige Bonitäten bei Schwellenländeranleihen als Ursache. Hinzu kommt: Mit China und Indien haben zwei der größten Emerging Markets mit ihrer eigenen Schuldenproblematik zu kämpfen.

Dabei sieht der Deka-Experte durchaus positive Veränderungen gegenüber der Vergangenheit: „Bei den Hartwährungsanleihen (Hard currencies) sind die Anstrengungen der Staaten zu sehen, Krisen zu vermeiden. Sie sind bereit Sparmaßnahmen umzusetzen und notfalls ihre Geldpolitik restriktiv auszulegen, um die Währung und Preisentwicklung zu stabilisieren.“ Er geht davon aus, dass die Risikoprämien auf Hartwährungsanleihen stabil bleiben werden.

Bei Lokalwährungsanleihen sei die höhere Rendite immer vor dem Hintergrund des Währungsrisikos zu sehen: „In den letzten 15 Jahren hat die schlechte Währungsentwicklung oft alles kaputt gemacht, was die Schwellenländer an Anleihenentwicklungen geboten haben. Das richtige Timing spielt hier eine viel größere Rolle.“ Derzeit böten die hohen Renditen einen gewissen Puffer, so dass Chancen entstünden: „Anleiheninvestoren in den Emerging Markets erwarten keine großen Reformen. Doch die Länder sollen möglichst auf wirtschaftspolitische Experimente verzichten. Dieses Kriterium erfüllen sie in der Regel und das reicht, um eine Outperformance gegenüber Anleihen aus Industrieländern zu erzielen.“

Janis Hübner

Emerging-Markets-Analyst bei der Deka.

Regionen: Ein gemischtes Bild.

Asien bleibt für den Analysten der Deka trotz der anhaltenden Exportabhängigkeit die attraktivste Region. „Das Modell ist intakt und liefert Erträge, der Zollkonflikt mit der US-Regierung hat nicht zum Einbruch geführt.“ In anderen Regionen sei das Bild gemischter. So etwa in Lateinamerika: Argentiniens Präsident Javier Milei habe erfolgreich das Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit abgebaut und Währungsreserven gestärkt, allerdings bleibe die Auslandsverschuldung hoch. Angesichts der Härten, die mit seiner Politik für die Bevölkerung verbunden seien, wäre es denkbar, dass ein Regierungswechsel nach Neuwahlen zu einer anderen Ausrichtung der Politik führen werde. Brasilien und Mexiko, die beiden anderen Schwergewichte der Region, seien perspektivisch wirtschaftlich und politisch stabiler. Der afrikanische Kontinent wiederum schaffe es seiner Auffassung nach nicht ausreichend, in die globalen Lieferketten eingebunden zu werden und bleibe primär ein Rohstofflieferant, der an den Finanzmärkten nur eine untergeordnete Rolle spiele. Im Nahen Osten schließlich, sei die Frage, wie es nach dem Konflikt um dem Iran weitergehe. Die Etablierung der Region als Dienstleistungshub werde schwieriger, da die Risiken zugenommen hätten.

Aktien oder Anleihen aus den Emerging Markets sind für Hübner grundsätzlich eine gute Beimischung für ein Portfolio. Doch müssten sich Investoren eben bewusst machen, welche Renditetreiber sie einkaufen: „Das KI-Thema wird sicher noch eine ganze Zeit bestimmend sein und damit auch die Nachfrage nach Halbleitern aus Taiwan oder Südkorea. Eine fortgesetzte wirtschaftliche Erholung bietet dann perspektivisch auch erweiterte Investmentmöglichkeiten, etwa wenn die Binnennachfrage anzieht. Umgekehrt bleiben die meisten Schwellenländer weiterhin abhängig von den konjunkturellen Entwicklungen in den Industrieländern, hinzu kommen regionale oder globale politische Risiken.“

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