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Research und Märkte

„Optimismus ist der Schlüssel“

Im Gespräch mit fondsmagazin erläutert Florence Gaub, warum NATO und Zukunftsforschung eng miteinander verbunden sind, welche Herausforderungen Europa in der Verteidigungspolitik bewältigen muss und warum Optimismus der Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft ist.

Dezember 2025

Interview mit Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin, Zukunftsexpertin und Direktorin der Forschungsabteilung am NATO Defense College.


Frau Dr. Gaub, was hat die Erforschung der Zukunft mit einem Verteidigungsbündnis zu tun?

Eigentlich ganz schön viel, denn was Militärs die ganze Zeit machen, ist, sich auf einen Fall vorzubereiten, der in den meisten Fällen gar nicht eintritt, aber in jedem Fall sehr hypothetisch ist. Militärische Institutionen denken fast immer über die Zukunft nach – sei es, welche Waffen gekauft werden sollen oder wie Soldaten und Offiziere trainiert werden. Das muss alles auf einen hypothetischen Kriegsfall zugeschnitten sein. Daher passen Zukunft und NATO sehr gut zusammen. Im Militär nennt man es allerdings weniger Zukunftsforschung, sondern strategische Antizipation. Im Kern ist es jedoch dasselbe: strukturiertes Nachdenken über das, was kommen könnte.

Hat eine Zukunftsforscherin einen anderen Blick auf das Weltgeschehen?

Der Mensch ist von Natur aus ein zukunftsdenkendes Wesen. Wir nutzen alle verfügbaren Informationen, um Vorhersagen über den Lauf der Dinge zu treffen. Zukunftsforschung geht dabei einen Schritt weiter: Sie sucht systematisch nach Mustern und Beziehungen, um Unsicherheiten zu reduzieren und mögliche Szenarien greifbar zu machen. Im Grunde kann das jeder Mensch tun – der Unterschied liegt darin, wie strukturiert und methodisch man vorgeht.

Dann haben Sie die potenziellen Krisengebiete bereits frühzeitig vor Ihrem geistigen Auge?

Ja, das kann man so sagen. Wir wussten beispielsweise früh, dass Israel bereit ist, den Iran anzugreifen. Nur das „Wann“ war unklar. Als deutlich wurde, dass aus Washington kein Widerstand mehr zu erwarten war, war der Angriff absehbar. Unsere Einschätzung basierte auf der Analyse von Irans Abhängigkeit von Syrien und der Hisbollah – geografisch, politisch und militärisch. Viele dieser Faktoren waren offen einsehbar.

Dr. Florence Gaub

ist Politikwissenschaftlerin, Zukunftsexpertin und Direktorin der Forschungsabteilung am NATO Defense College. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit sicherheitspolitischen Entwicklungen, geopolitischen Trends und langfristigen Zukunftsszenarien. Als erfahrene Analystin verbindet sie wissenschaftliche Perspektiven mit strategischer Beratung und gilt international als gefragte Expertin für Fragen der europäischen Sicherheit und Resilienz.

Wie gut ist Europa auf die aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen vorbereitet?

Europa hat in den letzten Jahren erkannt, dass es sich stärker auf eigene Fähigkeiten verlassen muss. Das zeigt sich besonders in der Verteidigungspolitik. Allerdings hinken wir in vielen Bereichen hinterher. Ein Beispiel ist die Rüstungsindustrie: Während die NATO empfiehlt, mindestens für zwei Wochen Munition vorrätig zu haben, kommt Deutschland derzeit auf gerade einmal zwei Tage. Das liegt auch daran, dass wir in Europa zu wenig in die eigene Produktion investiert haben und uns stattdessen auf Importe, vor allem aus den USA, verlassen haben.

Wie lange dauert es, bis Europa diese Abhängigkeit überwinden kann?

Das wird noch einige Jahre dauern. Nehmen wir den Weltraum als Beispiel: Bis vor zehn Jahren dachte man, das Weltall sei ein Relikt der 60er-Jahre. Jetzt haben wir verstanden, dass die USA und China extrem präsent im Weltraum sind. Die Zahl der Satelliten steigt rasant, und Europa ist hier klar im Hintertreffen. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) und neue EU-Initiativen sollen das ändern, aber es wird noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis wir uns aus der Abhängigkeit von den USA lösen können.

Und wie sieht es bei der Bundeswehr aus? Ist sie für die aktuellen Bedrohungen gerüstet?

In den 90er-Jahren war man in Deutschland noch der Meinung, dass man die Bundeswehr nicht mehr benötigt. Das Umdenken auf politischer Ebene hat 2014 langsam begonnen. Aber bis es auf der militärischen Ebene ankam, waren wir im Jahr 2022. Wenn eine direkte Bedrohung nicht unmittelbar spürbar ist, fehlt oft die Bereitschaft, in Verteidigung zu investieren. Hinzu kommt, dass militärische Prozesse generell sehr lange dauern. Ein Offizier, der heute eingestellt wird, könnte erst in 25 bis 30 Jahren General werden. Das bedeutet, dass die Entscheidungen, die heute getroffen werden, erst in Jahrzehnten von den Generälen umgesetzt werden, die aktuell noch in der Ausbildung sind. Diese langen Zeiträume betreffen auch die Beschaffung von Ausrüstung: Von der Planung über die Entwicklung bis hin zur tatsächlichen Nutzung können ebenfalls Jahrzehnte vergehen.

Der Nordatlantikvertrag wurde 1949 geschlossen. Welche Rolle spielt das Bündnis heute?

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das auf Solidarität basiert. Doch Solidarität allein reicht nicht aus. Viele Mitgliedstaaten investieren zunehmend in eigene Fähigkeiten, um Abhängigkeiten zu verringern. Das ist auch eine Reaktion auf die Unsicherheiten, die durch die Abhängigkeit von den USA entstehen. Gleichzeitig bleibt die NATO ein wichtiger Garant für Sicherheit, insbesondere in Europa.

Wie wichtig ist Diplomatie in Zeiten wachsender Spannungen?

Diplomatie funktioniert nur, wenn es einen politischen gemeinsamen Nenner gibt. Das Problem mit Russland ist kein diplomatisches, sondern ein politisches. Dennoch ist Diplomatie wichtiger denn je, um Kommunikationskanäle offen zu halten und Missverständnisse zu vermeiden. Derzeit geht es weniger um den großen Friedensschluss mit der Ukraine, sondern darum, dass wir in Westeuropa nicht aus Versehen in einen Krieg stolpern.

Welche Rolle spielt Desinformation in Krisenzeiten?

Desinformation zielt oft weniger darauf ab, Meinungen zu ändern, sondern vielmehr darauf, Gefühle zu manipulieren. Putin spricht beispielsweise immer wieder von der Atombombe, weil er weiß, dass Deutsche aufgrund ihrer Erfahrungen im Kalten Krieg darauf besonders empfindlich reagieren. Das nennt man kognitive Kriegsführung. Schweden hat mit der „Psychological Defence Agency“ eine Behörde, die sich mit solchen Themen beschäftigt. Auch in Deutschland sollten wir den Menschen mehr Werkzeuge an die Hand geben, um mit extremen emotionalen Zuständen umzugehen.

Und welche Werkzeuge würden Sie den Menschen konkret an die Hand geben?

Es braucht eine Kombination aus Bildung, Resilienz und strategischem Denken. Wir müssen uns bewusst machen, dass Sicherheit nicht nur eine Frage von Waffen und Technologie ist, sondern auch von psychologischer Stärke. Länder wie Schweden oder Finnland machen es vor: Dort wird die Bevölkerung aktiv in die Vorbereitung auf Krisen einbezogen, ohne dass Panik entsteht. Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen.

Aber wie sehen Sie die Zukunft für Deutschland, Europa und die Welt?

Die Zukunft hängt davon ab, was wir jetzt tun. Es gibt fünf mögliche Szenarien: Wir rüsten das Militär auf, verstärken die Diplomatie, bauen einen Kanal zu Russland auf und entwickeln die Fähigkeit, strategisch über China und Russland nachzudenken. Wenn wir in diesen Bereichen Fortschritte machen, ist vieles möglich. Der Dritte Weltkrieg ist kein unausweichliches Szenario.

Blicken Sie optimistisch in Ihre Zukunft?

Immer. Wissen Sie warum? Nur dann denkt man darüber nach, was man tun kann. Pessimisten denken nicht darüber nach, was sie noch tun werden. Optimismus ist der Schlüssel, um die Zukunft aktiv zu gestalten.

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