Corona-Trends

Trendwende durch Corona?

Jede Krise bringt Spekulationen um eine grundlegende Veränderung der Weltordnung mit sich. Ob die Finanzkrise, die europäische Schuldenkrise oder 9/11 – sie alle wurden von Warnungen begleitet, dass die Welt so wie wir sie kennen danach nicht mehr existieren wird. Die Realität sah jedoch anders aus. Zwar gab es langanhaltende Veränderungen. Für den Großteil der Menschen dürften diese Veränderungen im Alltag aber kaum wahrnehmbar sein, sodass sie nicht als komplett „neue Welt“ empfunden werden. Ähnliches lässt sich deshalb auch für die Corona-Krise vermuten. Es wird an Stellschrauben gedreht werden, aber insgesamt werden die Veränderungen graduell und wenig wahrnehmbar bleiben.

August 2020.

Home-Office.

Die am naheliegendste Veränderung ist eine Beschleunigung des Trends zum Home-Office. Sicherlich hat hier der Virus einen gewaltigen Lerneffekt erzwungen. Es ist klargeworden, dass Unternehmen, die von Büroarbeit leben, weiter bestehen, auch wenn die Mitarbeiter statt im Anzug im Büro nun in Jogginghose in den eigenen vier Wänden arbeiten. Offensichtlich geworden sind aber auch die technischen Defizite und die Vorteile der persönlichen Kommunikation. Laut einer aktuellen Umfrage unter Bürobeschäftigten in den USA von Marcus & Millichap wollen 70% mindestens 3 Tage im Büro arbeiten und der persönliche Kontakt zu Kollegen wird als Hauptgrund angegeben. Dass der Arbeitsweg entfällt, dürfte für viele allerdings ein Plus sein. Für Arbeitsgeber dürfte vor allem der Kostenfaktor und Business Continuity imVordergrund stehen. Dass der Trend zum Home-Office einen Boost bekommen hat, ist wahrscheinlich. Allerdings wird das Büro auch in Zukunft nicht gänzlich nach Hause verlegt. Es wird ein Ort der Zusammenkunft und des Austausches bleiben.

Technologie.

Der Nutzen guter Internetverbindungen, sowie verlässlicher Video- und Telefonkonferenzanbieter wurde uns in den letzten Wochen deutlich vor Augen geführt. Nicht nur beruflich, sondern auch privat ist digitale Infrastruktur wichtiger denn je. Social Distancing und das Monitoring der Gesundheits-und Mobilitätsströme könnten auch die Entwicklung und Akzeptanz automatisierter Prozesse, des Internet of Things sowie von Smart Cities und Buildings beschleunigen. Im Einzelhandel hat das kontaktlose Zahlen in den letzten Wochen an Bedeutung gewonnen und auch Self-Service Check-outs könnten vor dem Hintergrund von Covid-19 nochmal verstärkt eingesetzt werden. Online-Händler setzen zudem zunehmend auf Augmented Reality, um ihre Produkte dem Kunden nahe zu bringen. Technologie ist damit ein Trend, der durch alle Sektoren und Anlagesegmente von der Krise profitiert. Wie schnell die Nachfrage nach technischen Neuerungen zunimmt, hängt aber auch davon ab, wann solche Technologien weiträumig, datensicher und kosteneffizient verfügbar sind.

Online-Retail.

Wer in letzten Wochen etwas Anderes brauchte als Lebensmittel hatte nur eine Wahl: online bestellen. Allerdings konnten nicht alle Einzelhändler vom Online-Geschäft profitieren. Erhöhte Unsicherheit und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit belasteten die Kauflaune und sorgten zum Teil auch bei Online-Sales für Einbrüche. Grundsätzlich dürfte die Akzeptanz von Online-Käufen durch die Krise aber nachhaltig zugenommen haben. Für die Logistikbranche heißt das, dass ein wichtiger Nachfragetreiber bestehen bleibt und kundennahe Logistikzentren nochmals an Bedeutung gewinnen. Für den bereits angeschlagenen Einzelhandel fokussiert die Krise abermals den Bedarf einer Omni-Channel-Verkaufsstrategie. Grundsätzlich dürfte Shopping als Freizeitaktivität auch in den kommenden Jahren nicht von der Bildfläche verschwinden, auch wenn die Kauflaune von der weiteren Entwicklung am Arbeitsmarkt auch für längere Zeit getrübt sein könnte.

Globalisierung.

Der Welthandel ist bereits in den letzten Jahren ausgebremst worden und protektionistische Maßnahmen waren auf dem Vormarsch. Auch hier lässt sich eine Beschleunigung des Trends vermuten. Unternehmen wollen ihre Abhängigkeit von einem einzigen Land durch höhere Lagerhaltung vor Ort, Diversifizierung der Lieferketten oder lokale Produktion reduzieren. Auch unter Umweltaspekten sind kurze Transportwege wichtig und ein Argument dafür, Teile der Produktion nach Hause zu verlagern. Mit zunehmender Automatisierung von Arbeitsprozessen verliert das Argument der Lohnkosten an Bedeutung. Allerdings funktioniert dies nicht für alle Branchen und Diversifizierung bleibt eine wichtige Strategie, um Lieferketten zu sichern. Wiederum mag gerade China für einige Unternehmen als Absatzmarkt zu wichtig sein, um an den bestehenden Strukturen etwas zu ändern. Hierbei werden sich unterschiedliche Unternehmen für unterschiedliche Strategien entscheiden. Wie stark der Gesamteffekt ausfallen wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nur schwer abschätzen.

Keine neue Welt.

Die Krise liefert Argumente für flexiblere Arbeitsmodelle, verstärkten Online-Handel und technologischen Fortschritt. Auch ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzepte bleiben wichtig: Ob die Zerstörung von Ökosystemen zur Verbreitung von Viren beiträgt, die Chancengleichheit in einer Pandemie verstärkt auf die Probe gestellt wird oder Regierungen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung koordinieren müssen – die Pandemie betrifft alle Kompenten des ESG-Konzepts. Gleichzeitig liefert die Krise aber auch ein Gegenargument zur Globalisierung in einigen Teilen der Wirtschaft, vor allem in der Produktion. Die bestehenden Trends könnten sich also deutlich schneller etablieren als erwartet, eine komplett neue Welt bleibt jedoch unwahrscheinlich.