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Kompetenz

ESG im Gegenwind? „Ein reinigendes Gewitter“

ESG-basiertes Investieren befindet sich im Wandel. Während in den USA der politische Widerstand gegen Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Kapitalmarkt wächst, unterzieht Europa die bestehenden Regelungen einer Prüfung und strebt nach Entbürokratisierung. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, sowie Christian Hesse, Kundenbetreuer für Stiftungen bei der Deka, zeigen auf, wo nachhaltiges Investieren heute steht und warum ESG-Kriterien gerade für institutionelle Anleger unverändert Relevanz haben.

Mai 2026

Mit dem Austritt der USA aus dem Weltklimaabkommen im Januar 2026 war der vorläufige Höhepunkt des „ESG-Backlashs“ erreicht, der seit einigen Jahren vor allem in den Vereinigten Staaten zu beobachten ist. „Wir sehen in den USA einen starken Gegenwind beim Thema Nachhaltigkeit. Er ist politisch getrieben, schlägt sich aber auch konkret in vielen neuen Vorgaben bis hin zur Börsenaufsicht SEC nieder. Das betrifft natürlich primär US- Unternehmen, aber auch diejenigen, die in den USA Geschäfte machen“, stellt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, fest.

Die Kommunikation von ESG-Aspekten werde defensiver, oftmals würden diese gar nicht mehr aufgegriffen. So nützten US-Unternehmen etwa häufig nicht mehr den Begriff „Sustainability Report“. Auch Vergütungsprogramme, die in den USA wirken, würden zunehmend an anderen Zielen ausgerichtet. „Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich das auf Unternehmen überträgt, die außerhalb des US-Rechtsraumes tätig sind“, meint Speich. Die Deka schaue sich aus diesem Grund genau an, wie die Unternehmen damit umgehen. „Natürlich müssen Unternehmen im Einklang mit den Regelungen handeln. Für uns ist dabei wichtig, ob sie das regional abgegrenzt nur für die USA umsetzen oder ob sie das konzernübergreifend global tun.“ Vor allem bei europäischen Unternehmen fordere sein Team daher im Zuge des Engagements eine ESG-Fokussierung weiterhin ein. Dies sei jetzt umso wichtiger, da sich einige amerikanische institutionelle Anleger aus Europa bei der Nachhaltigkeit zurückziehen oder bei Hauptversammlungen nicht mehr abstimmen würden.

„Der Gegenwind hilft jetzt dabei, sich ein Stück weit wieder auf den Kernfokus von Nachhaltigkeit zu besinnen."

Ingo Speich

Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, Deka.

Die ESG-Basis ist heute breiter.

Verliert das Thema ESG durch die Veränderungen an Bedeutung? Ingo Speich sieht das nüchtern: „Wir sind bei ESG-Erfordernissen heute deutlich weiter als noch vor drei oder vier Jahren. Das Thema ist in vielen Köpfen fest verankert. Insofern ist unsere Basis breiter.“ Die Erwartung eines ewig ansteigenden Trends nach oben hinsichtlich einer nachhaltigen Ausrichtung der Wirtschaft sei hingegen nicht realistisch und auch nicht gesund gewesen. Die damit verbundenen Anforderungen seien viel zu hoch gewesen. Etwa in der Regulatorik: „Die Nachhaltigkeitsrichtlinie CSRD war zu kleinteilig. Für die Unternehmen war das mit hohem Aufwand verbunden, für Investoren vielfach nicht hilfreich. Der Gegenwind hilft jetzt dabei, sich ein Stück weit wieder auf den Kernfokus von Nachhaltigkeit zu besinnen.“

Auch auf Kundenseite ist von einer Abkehr wenig zu spüren. Es herrscht vielmehr Pragmatismus: „Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren bei Stiftungen grundsätzlich ein strategischer Eckpfeiler gewesen“, erklärt Christian Hesse, Kundenbetreuer für Stiftungen bei der Deka. Es habe nur wenige Anfragen gegeben, bei denen dieser Aspekt überhaupt keine Rolle gespielt habe. Auch aktuell stehe das Thema weiter auf der Agenda, es sei aber nicht mehr das ausschlaggebende Element. „Nachhaltigkeit dominiert nicht mehr so deutlich, wie noch vor einigen Jahren. Dennoch ist Transparenz beim CO2- und ESG-Reporting weiterhin gefragt.“

Die anhaltende Bedeutung für europäische Investoren kommt nicht von ungefähr, betont Ingo Speich: „Effekte wie der Klimawandel haben auf Unternehmen spürbare Auswirkungen. Diejenigen, die sich nicht darauf einstellen, erleben über kurz oder lang Wettbewerbsnachteile.“ Institutionelle Investoren, die Asset-Liability-Verpflichtungen haben, würden physische oder transitorische Risiken immer stärker berücksichtigen, um Ausfallrisiken zu vermeiden. Andere Investorengruppen wie Stiftungen oder Kirchen seien wiederum über ihre Anlagerichtlinien weiterhin zu Nachhaltigkeit verpflichtet, ergänzt Hesse. „Bei Stiftungen steht der Ewigkeitsgedanke im Vordergrund, somit müssen sie sich natürlich auch in der Asset Allocation langfristig gegen potenzielle Risiken wappnen. Dabei sind nachhaltige Aspekte unverzichtbar.“

„Investoren mit niedrigeren Volumina setzen eher auf bewährte Best-Practice-Ansätze, etwa in Stiftungsfonds. Investoren mit größeren Volumina haben wiederum die Chance, über Spezialfonds gezielt bestimmte Themen wie Klimaschutz oder Biodiversität voranzutreiben."

Christian Hesse

Kundenbetreuer für Stiftungen, Deka.

Biodiversität und neue Fragestellungen.

Die Heterogenität der Investorenanforderungen erfordere dabei zunehmend individualisierte Lösungen. Hier ist die Deka im Vorteil. Als Vollsortimenter verfügt sie aufgrund ihrer Größe über die entsprechende Expertise und auch über einen eigenen umfassenden Datenbestand. So können nachhaltige Fragestellungen frühzeitig in Anlagekonzepte integriert werden. „Das Thema ESG differenziert sich immer weiter aus,“ erklärt Deka-Experte Speich. Sei es vor einigen Jahren primär um Aspekte wie den CO2-Ausstoß und das Klima gegangen, stünde heute vor allem die Biodiversität im Vordergrund. „Es gibt Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Rückgang von Biodiversität einen viel stärkeren Einfluss hat als der Klimawandel. Lebensmittelproduzenten stehen vor konkreten Problemen bei der Rohstoffversorgung, wenn die Bienen aussterben.“

Hinzu kommen neue ESG-Fragestellungen, die in das Kundenreporting integriert werden müssen: Wie sieht die KI-Governance eines Unternehmens aus? Wie ist es gegen Cyberrisiken gesichert? Wie sind die Lieferketten aufgebaut? Der Konflikt am Persischen Golf rückt aktuell vor allem diesen Aspekt ins Rampenlicht. Aber es muss nicht immer ein Krieg sein, warnt Ingo Speich: „Vor rund zwei Jahren war ein Schweizer Zulieferer von Porsche nach einem Hochwasserschaden nicht mehr lieferfähig. Das Unternehmen stellte damals rund achtzig Prozent der Karosseriekomponenten des Sportwagenherstellers her, sodass Porsche daraufhin die Produktion runterfahren musste. Die Aktie hat an dem Tag rund sieben Prozent verloren.“

Weil die Berichterstattung zu ESG-Themen, gerade bei US-Unternehmen, rückläufig sei, werde der persönliche Dialog mit den Unternehmen für ihn und sein Team wichtiger. Auch die Bedeutung von externen Datenanbietern nehme zu, etwa beim Thema Kontroversen-Research: Dabei werden Medienmeldungen zu kritischen Ereignissen bei Unternehmen ausgewertet und auf Glaubwürdigkeit und Materialität überprüft. „Ein Anstieg dieser Meldungen ist ein Indiz dafür, dass bei einem Unternehmen möglicherweise etwas im Argen liegt. Wir können dann entsprechend unsere eigenen Research-Kapazitäten besser allokieren und frühzeitig reagieren“, hebt er hervor.

Stabiles Regulierungsregime.

Während also US-Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit möglichst meiden, sieht man diesseits des Atlantiks ESG-Kriterien als wertvolle Ergänzung der Unternehmensbewertung, setzt jedoch auf eine Vereinfachung der bisherigen Regulierungen. Die EU-Kommission hat im Februar 2025 mit dem sogenannten Omnibus-Paket I einen Vorschlag zur Entbürokratisierung von Nachhaltigkeitsvorschriften vorgelegt. Im Kern geht es dabei um Vereinfachungen bei der CSRD (Nachhaltigkeitsberichterstattung), bei der CSDDD (Lieferkettenrichtlinie) sowie bei der EU-Taxonomie. Die Ansätze zur Überarbeitung begrüßt Ingo Speich grundsätzlich: „Ich erwarte, dass wir in drei Jahren ein stabiles Regulierungsregime haben werden und dass die Konstruktionsfehler der ersten Runde – eine hohe Detailtiefe, wenig Praxisrelevanz sowie die fehlende Abstimmung der Vorschriften aufeinander – beseitigt sind.“

Aktuell werde viel darüber gesprochen, ob Nachhaltigkeit im internationalen Wettbewerb vielleicht eher hinderlich sei. Eine Position, die ESG-Experte Speich auf keinen Fall teilt. Den Gegenwind, den das Thema Nachhaltigkeit derzeit erlebt, sieht er als klärendes Gewitter: „Wenn wir über die aktuellen Konflikte hinausdenken, dann bedeutet Nachhaltigkeit richtig interpretiert, einen langfristigen Wettbewerbsvorteil zu haben und damit zukunftsfähig zu sein.“ Gleichzeitig fordern, zumindest in Europa, Investoren das Thema weiterhin stark ein, betont Christian Hesse: „Investoren mit niedrigeren Volumina setzen dabei eher auf bewährte Best-Practice-Ansätze, etwa in Stiftungsfonds. Investoren mit größeren Volumina haben wiederum die Chance, über ihre Kapitalanlage in Spezialfonds gezielt bestimmte Themen wie Klimaschutz oder Biodiversität voranzutreiben, z.B. durch Ausschlüsse, Integration oder proaktives Engagement. Deshalb ist die Transparenz der Unternehmen bei diesen Fragestellungen unerlässlich.“

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