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26. Mai 2020

Makro-Morgenkommentar
Börsen leben gerade sehr gut von Hoffnungen und von den Notenbanken

Gleich zum Wochenstart wurde gestern der wichtigste Konjunkturindikator für Deutschland bekannt gegeben – das ifo Geschäftsklima. Auf seinen Rekordrückgang im vergangenen Monat folgte nun für Mai ein Rekordanstieg. Wer aber glaubt, die Welt sei damit wieder im Lot, der täuscht sich. Denn mit dem Anstieg um 5,3 Punkte wurde nur rund ein Viertel des Rückgangs der beiden Vormonate wieder aufgeholt. Mit einem aktuellen Stand von 79,5 Punkten notiert das Geschäftsklima damit immer noch knapp unterhalb des Tiefstandes während der globalen Finanzkrise. Während sich die Lageeinschätzung der Unternehmen nochmals leicht verschlechterte (-0,5 Punkte), stiegen die Geschäftserwartungen spürbar an (10,7 Punkte). Doch auch mit dem verbesserten Wert liegen die Geschäftserwartungen etwa auf dem Niveau, als die globale Finanzkrise am stärksten wütete. Echte Zuversicht sieht anders aus. Zumindest für den Volkswirt, denn für die Aktienmärkte bestätigten die gestrigen Daten die Markthoffnungen auf konjunkturelle Besserung im weiteren Jahresverlauf. Passend dazu wurde das deutsche Hilfsprogramm für die Lufthansa (9 Mrd. Euro) von den Finanzmarktteilnehmern ebenfalls wohlwollend aufgenommen. Der Deutsche Aktienindex DAX schloss fast 3 % verbessert bei knapp 11.400 Punkten.

Die fundamentale ökonomische Lage verbessert sich, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie es die starken Aktienmärkte nahelegen. Heute Morgen ist der GfK-Konsumklimaindex für Juni bekannt gegeben worden. Nach dem Rekordtief dieses Indikators im Mai lag der jüngste Anstieg um 4,2 Indexpunkte auf -18,9 Punkte im Rahmen der Erwartungen. Mit den ersten Lockerungen in der Corona-Krise hellt sich auch die Verbraucherlaune in Deutschland wieder etwas auf. Wahre Konsumfreude ist das allerdings nicht, eher gilt derzeit die Devise: Aus Shoppen wird Einkaufen. Wo das Erlebnis fehlt, fehlt auch die Konsumdynamik. Wir erwarten daher, dass sowohl Konsumenten als auch Unternehmen zumindest bei größeren Anschaffungen beziehungsweise Investitionen vorsichtig bleiben.

Zu den Konjunkturhoffnungen gesellen sich die Notenbanken als Erklärung für feste Kapitalmärkte. Dies zeigt sich am Anleihemarkt an hohen Kursen für Bundesanleihen, deren zehnjährige Renditen bei etwa 0,5 % verharren. Noch deutlicher tritt es bei zurückgehenden Zinsaufschlägen in der Euroland-Peripherie oder bei Anleihen der deutschen Bundesländer zutage. Hier wirken die immensen Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) unmittelbar: Nach Nettoanleihekäufen in der Vorwoche von erneut über 40 Mrd. Euro dürften sich die EZB-Käufe für den gesamten Mai über 160 Mrd. Euro summieren.

Dies alles findet in einem quasi inflationsbefreiten Umfeld statt. Entgegen den in den Medien teilweise stattfindenden Diskussionen, dass die stark steigenden Bilanzen der Zentralbanken zu erheblichen Inflationsrisiken führen können, liegen die Inflationserwartungen an den Märkten brach. Die 5J5J-Inflationserwartungen stehen für die Eurozone bei knapp über 0,9 %, also weit unter dem Inflationsziel der EZB. Denn in der Corona-Krise lassen die preisdämpfenden Effekte die Inflationsraten deutlich sinken. Eher führen die zusätzlichen Finanzmittel zu gestiegenen Immobilien-, Aktien- und Anleihepreisen. Ändern könnte sich Geldpolitik wohl nur, wenn doch wieder Inflation aufkeimt. Dafür braucht es aus unserer Sicht vor allem Lohninflation, die sich im aktuellen Konjunkturumfeld freilich nicht abzeichnet. Daher sollte die Geldpolitik noch lange Zeit marktfreundlich bleiben.


Stand: 26.05.2020