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Blockchain-basiert
Digitaler Schuldschein "Finledger"

Im 19. Jahrhundert vor Christus haben Kaufleute in Kappadokien den Schuldschein zur Finanzierung von Handelskarawanen nach Assur erfunden. Im Lauf der Zeit ist dieses Instrument aber nicht nur immer beliebter geworden – zuletzt durch die Finanzkrise vor rund zehn Jahren – sondern auch zunehmend komplex.

Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung lassen sich Emission und Abwicklung jetzt deutlich vereinfachen und beschleunigen. Durch den Einsatz der Blockchain wird der Prozess dazu noch sicherer. Über die finledger-Plattform hat die Deka in diesem Jahr bereits zwei Schuldscheine begeben.

 

Der Schuldschein hat in Deutschland als Instrument der Unternehmensfinanzierung in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Von 2000 bis 2018 erhöhte sich das ausstehende Volumen von etwa 16,7 Mrd. Euro auf rund 120 Mrd. Euro. Alleine im vergangenen Jahr wurde ein neues Volumen von etwa 23 Mrd. Euro begeben. „Ursprünglich war das Schuldscheindarlehen das klassische Finanzierungsinstrument der Kommunen und der öffentlichen Hand. Die Finanzkrise 2008 und 2009 hat dem Instrument dann einen Wachstumsschub gegeben“, erklärt Hans-Werner Grunow, Geschäftsführer der Stuttgarter Beratungsgesellschaft Capmarcon. Denn angesichts der Volatilität an den Kapitalmärkten hätten Unternehmen seinerzeit den Schuldschein als Ergänzung zur gängigen Anleiheemissionen entdeckt. Noch dazu sei es den Firmen so gelungen, die Abhängigkeit von einzelnen Banken zu verringern und den Kreis an möglichen Kapitalgebern zu erweitern.

 

Auch ist der Aufwand rund um die Begebung dieses Instruments wesentlich geringer als bei Schuldverschreibungen. So ist beispielsweise kein Prospekt erforderlich, und die Dokumentationspflichten sind überschaubar, da die Bedingungen zwischen den Parteien direkt ausgehandelt werden. Und schließlich erwarten Investoren üblicherweise kein externes Rating.

 

Doch es gibt auch eine Kehrseite: Traditionell finden sich im Schuldscheingeschäft noch zahlreiche manuelle Prozesse und Schnittstellen zwischen Darlehensnehmer, Arrangeur und Investoren. Daher hat sich die DekaBank mit der Deutschen WertpapierService Bank, der DZ Bank und der Landesbank Hessen-Thüringen zusammengeschlossen, um die Abwicklung von Schuldscheindarlehen erstmals vollständig zu digitalisieren. Das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen ist die auf der Blockchain-Technologie basierende Plattform finledger, über die im Mai diesen Jahres zwei Emissionen erfolgreich abgewickelt wurden. „Als Abwicklungsstruktur ist finledger ein gutes Beispiel, wie Digitalisierung Effizienzen über ganze Prozessketten heben und gleichzeitig die Attraktivität eines Produkts verbessern kann“, sagt Marion Spielmann, Leiterin Bankgeschäftsfelder & Verwahrstelle bei der DekaBank.

 

Nicht im Fokus des Gemeinschaftsprojekts steht dabei die Digitalisierung des Handels. Hier hat es in den vergangenen Jahren bereits andere erfolgreiche Pilottransaktionen und vielversprechende Plattformlösungen gegeben.

„Blockchains sind fälschungssichere, verteilte Datenstrukturen, in denen Transaktionen in der Zeitfolge protokolliert, nachvollziehbar, unveränderlich und ohne zentrale Instanz abgebildet sind.“

Quelle: BaFin Journal, November 2017

Schlankere Prozesse und mehr Sicherheit

Das Potenzial für die Vereinfachung und die Beschleunigung der anfallenden Prozesse ist dabei erheblich: Die manuelle Datenerfassung und der Abgleich per Fax, der Druck des Schuldscheins in Papierform und der Postversand an den Darlehensgeber, schließlich die Lagerung bei der Verwahrstelle oder im Tresor des Gläubigers – bei der Abwicklung dominieren auch im Jahr 2019 noch zeitaufwändige manuelle Tätigkeiten und die papiergebundene Dokumentation. Diese Komplexität erhöht gleichzeitig den Aufwand beim Rückkauf sowie hinsichtlich der Handelbarkeit oder der Teilbarkeit von Schuldscheinen. Über finledger gelingt es zum Ersten, den Abwicklungsprozess deutlich zu verschlanken und zu beschleunigen. Daten werden über die Schnittstellen automatisch geladen, die Geschäftsbestätigung sowie die Urkundenerstellung erfolgen mit Hilfe der elektronischen Signatur in digitaler Form. Auch der Austausch von Dokumenten findet elektronisch statt. Die einzelnen Schritte sind so in wenigen Sekunden möglich und benötigen nicht wie zuvor Stunden, Tage oder gar Wochen. Dies senkt auch Prozessrisiken und -kosten.

 

Und zum Zweiten schafft die Plattform Vorteile bei der Sicherheit. Denn die hinter der Blockchain stehende Distributed- Ledger-Technologie ermöglicht die lückenlose Dokumentation sämtlicher Transaktionen mit ihrem jeweiligen Bearbeitungsstand. Sie dient damit auch der Echtheits- und Aktualitätsprüfung des digitalisierten Schuldscheins und sorgt, verglichen mit dem herkömmlichen Dokumententransport, schneller für Rechtssicherheit. Durch die parteienübergreifende Transparenz, die die Kombination aus Digitalisierung und Blockchain schafft, können Durchlaufzeit und Aufwand in der Abwicklung von Schuldscheindarlehen um mindestens 50 Prozent reduziert werden.

„Grundsätzlich wollen wir auch anderen Banken und interessierten Unternehmen den Zugang zu finledger ermöglichen und so einen ganz neuen Marktstandard setzen.“

Marion Spielmann

Leiterin Bankgeschäftsfelder &
Verwahrstelle der DekaBank

Zugang für interessierte Unternehmen

Für die an finledger beteiligten Partnerbanken ist die erfolgreiche Abwicklung der vollständigen Emission von Schuldscheindarlehen zwar ein Erfolg, gleichzeitig aber nur ein erster Schritt. Spätestens Anfang 2020 soll auch deren Abtretung und die Kündigung von Schuldscheindarlehen umgesetzt werden. Von da an sollen auch projektunabhängige Sparkassen, Banken und andere Unternehmen Schuldscheindarlehenstransaktionen über finledger abwickeln können. „Grundsätzlich wollen wir auch anderen Banken und interessierten Unternehmen den Zugang zu finledger ermöglichen und so einen ganz neuen Marktstandard setzen“, erläutert Spielmann. Derzeit werden von den Partnern Zugangskriterien definiert und abgestimmt. Geplant ist, dass interessierte Unternehmen entweder die Infrastruktur eines der Partner nutzen oder die finledger-Komponenten in die IT-Infrastruktur der interessierten Unternehmen integriert werden.

 

Für Marion Spielmann sind mit der Abwicklung von Schuldscheindarlehen die Möglichkeiten der Blockchain freilich noch nicht ausgeschöpft: „Die komplett digitale Abwicklung des Auflegungs- und Emissionsprozesses ist unseres Wissens nach in dieser Form in Deutschland erstmalig durchgeführt worden. Damit haben wir die grundsätzliche Machbarkeit solcher Transaktionen bewiesen. Wir haben die finledger- Infrastruktur aber bewusst so entwickelt, dass nicht nur Schuldscheine, sondern auch andere Produkte darüber abgewickelt werden können. Das Asset-Universum ist deutlich größer.“

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 3, September 2019