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Weniger Verbrauch, mehr Sicherheit
Der Weg zur Nachhaltigkeit ist vorgezeichnet

Wenn es um nachhaltige Produkte geht, denken viele nicht zuerst an Autos. Doch gerade in dieser Branche wird enorm viel investiert, um für weniger Emission und mehr Sicherheit zu sorgen. Deshalb lohnt der Blick hinter die Kulissen. Senta Graf, Analystin bei Deka Investment, kennt das Marktsegment der Autobauer und Zulieferer seit neun Jahren. Ihre Erfahrung: Eine nachhaltige Unternehmens­strategie ist der Schlüssel, um solide Erträge für Investoren zu erwirtschaften.


Senta Graf
Gespräch mit der Automobil-Analystin
bei Deka Investment


 

Frau Graf, welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für die Automobilbranche?

GRAF Eine ganz zentrale. Der Druck auf die Automobilfirmen hat sowohl von staatlicher als auch von Kundenseite massiv zugenommen. Auch der Wettbewerb der Anbieter untereinander verlagert sich immer stärker in diese Richtung: Mehr Sicherheit und weniger Verbrauch sind Ziele, an denen im Prinzip alle arbeiten. Sicher sind viele Entwicklungen noch in einem frühen Stadium und müssen weiter reifen. Würde man sich diesen Themen aber verschließen, hätte das mittel- und langfristig negative Auswirkungen auf die Absatzmärkte.

 


In der Automobilindustrie hängt der langfristige wirtschaftliche Erfolg auch an guten Konzepten für mehr Nachhaltigkeit.


 

Solche Entwicklungen kosten aber erst einmal enorm viel Geld. Sind Sie als Investor da nicht manchmal skeptisch?

GRAF Durchaus, denn unser Auftrag ist es ja, das Geld unserer Anleger zu mehren, und deshalb achten wir auf die Ertragsperspektiven. Kurzfristiges Optimieren würde da manchmal schneller zu mehr Gewinn führen als langfristige Investitionen. Trotzdem sehen wir oft, dass Unternehmen klar Position beziehen und ein längerfristiger, kostenintensiver Investitionszyklus der kurzfristigen Margenoptimierung vorgezogen wird. Hier muss genau abgewogen werden, was insgesamt mehr Wert schaffen kann.

„Nicht nur unsere Kunden profitieren von unseren Innovationen – auch die Gesellschaft. Denn wir wissen: Durch nachhaltiges Handeln machen wir unser Geschäfts­modell zukunftsfähig und sichern das Wachstum unseres Unternehmens.“

Dr. Friedrich Eichinger

Mitglied im Vorstand, BMW Group

Können Sie Beispiele nennen, wo sich Entscheidungen für mehr Nachhaltig­keit für den Investor bereits auszahlen?

GRAF Einen wichtigen Meilenstein hat Toyota mit seinem Hybridfahrzeug gesetzt. In dieses Forschungsprojekt wurde sehr lange investiert und über viele Jahre nichts damit verdient – für den Investor auf den ersten Blick also uninteressant. Aber letztendlich hat es sich ausgezahlt. Toyota hat sich damit nicht nur ein grünes Image geschaffen, sondern Hybridmodelle sind inzwischen auch ein wirtschaftlicher Treiber. Ein anderes Beispiel ist BMW mit seiner EfficientDynamics-Reihe. Verbrennungsmotoren zwar, aber sparsamere. Daran hatten Verbraucher nicht zuletzt wegen der zwischenzeitlich hohen Kraftstoffpreise größeres Interesse, und BMW kann mit diesen Modellen sehr gute Margen verdienen.

 

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie, wie aussichtsreich Entwicklungs­investitionen werden können?

GRAF Zunächst muss man bedenken, dass die Entwicklungszyklen in der Autoindustrie unfassbar lang sind. Aus der Perspektive eines Anlegers ist es deshalb relevant zu fragen: Wo steht ein Unternehmen in 15 oder 20 Jahren? In welche Trends wird investiert? In welchen Märkten positioniert sich ein Anbieter mit welchen Modellen? Die großen deutschen Hersteller engagieren sich beispielsweise stark in China. Da ist die Bevölkerungszahl riesig. Wenn man in diesen Regionen nicht sehr genau auf die Emissionen achtet oder gar direkt auf Elek-tromobilität setzt, werden die Menschen dort an den Abgasen wahrlich ersticken. Hier Lösungen zu finden, geht nur, wenn man in der Motorenentwicklung neue Wege geht.

 

 

Investitionen in nachhaltige Konzepte: Carsharing von Continental oder der i3 mit Elektromotor von BMW

 

Die deutschen Autobauer setzen aber doch nach wie vor auf Premium. Nachhaltigkeit scheint da eher ein Randthema.

GRAF Premium heißt ja nicht, dass man nur große Autos baut. Premium definiert sich über Qualität, Design, Haptik, Marke und vor allem Technologieführerschaft. Dies gilt für den Verbrauch ebenso wie für die Sicherheit. Das erste Auto mit ABS oder ESC war ein Mercedes, also ein Premiumfahrzeug. Auch bei der Verbrauchsreduzierung sind die Premiumhersteller inzwischen weit vorangeschritten. Man kann auch nicht einfach Flottendurchschnitte vergleichen, denn manche Hersteller beispielsweise in Frankreich verkaufen fast ausschließlich Kleinwagen. Klar, dass die weniger verbrauchen; sie sind leichter und meist geringer motorisiert. Man muss die Ersparnis vergleichen, und da leisten die Premiumhersteller Enormes. Hinzu kommt, dass auch sie zunehmend kleinere Modelle anbieten. Da kann der 1er genannt werden oder das Modellfeuerwerk von Mercedes im Segment der A- und B-Klasse.

 

Also weniger Emission nur durch mehr Kleinfahrzeuge?

GRAF Nein. Die verbesserte Technik führt auch bei den Oberklassemodellen zu mehr Sparsamkeit. Von Start-Stopp-Automatik in der heutigen Form hat vor 10 Jahren beispielsweise noch keiner gesprochen, heute irritiert es keinen mehr, wenn das Auto an der Ampel ausgeht. Entwicklungen wie Doppel-Turboladung auch im Benzinmotor, neue Materialien zur leichteren Bauweise der Motoren, aerodynamische Verbesserungen, das alles führt zu deutlich mehr Effizienz.

„Wir sind der Überzeugung, Verkehrsunfälle gehören ins Museum. Unser Ziel sind tatsächlich null Unfälle im Straßenverkehr. Das ist keine Utopie mehr! Wir können dieses Ziel tatsächlich erreichen!“

Dr. Elmar Degenhart

Vorstandsvorsitzender Continental AG

Ist das Luxusauto am Ende gar nicht mehr so in, weil auch die Verbraucher stärker auf Nachhaltigkeit achten?

GRAF Nachhaltigkeit und Luxus schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Das Luxussegment finanziert die Entwicklung für die Masse gewissermaßen vor. Denkt man an einen Aspekt wie soziale Verantwortung, fällt einem das Thema aktive Sicherheit ein. Die Hersteller haben sich zum Ziel gesetzt, Straßenverkehr ohne Todesopfer zu erreichen, indem Unfälle von vornherein verhindert werden, beispielsweise durch Bremsassistenten oder Abstandsregler. Diese Entwicklungen werden zuerst in der Oberklasse eingeführt, wo der Kunde bereit ist, dafür zu zahlen. Mit der Zeit werden diese Systeme auch im Massensegment Standard. Gut für uns – wir fahren alle sicherer. Für die Hersteller ist dies auch ein Geschäft, denn Sicherheit ist ein sehr gutes Verkaufsargument.

 

Die hohen Investitionen in Sicherheit zahlen sich also schrittweise aus …

GRAF Ja, es gibt aber auch viele Investitionen in Zukunftsprojekte, bei denen der Erfolg noch auf sich warten lässt. Der i3 von BMW ist so ein Beispiel. Sicher das nachhaltigste Produkt, das es im Automobilbereich derzeit gibt. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Elektromotor rational noch nicht wettbewerbsfähig ist und von Verbrauchern deshalb nicht nachgefragt wird.

 

Weil die Reichweite zu gering und der Preis zu hoch ist?

GRAF Vor allem die Batterietechnologie ist heute noch nicht ausgereift, und deshalb hat der Verbraucher ein erhebliches Risiko, wenn er hier viel Geld investiert. Denn mit jedem größeren Fortschritt läuft er Gefahr, dass sein Auto nichts mehr wert ist. Diese Anlaufschwierigkeiten – dazu zählt im Übrigen auch das noch nicht ausreichend vorhandene Netzwerk an Elektrotankstellen – sind aber typisch für solche Neuentwick­lungen und bedeuten nicht, dass daraus längerfristig nicht doch ein Erfolg wird. Bei Hybridautos waren die ersten Jahre ebenfalls holprig, und heute sind sie nicht mehr wegzudenken.

Senta Graf

Automobil-Analystin, Deka Investment

Was sind weitere Trends in der Nachhaltigkeit?

GRAF Aktive Sicherheit in all ihren Facetten. Darauf setzen derzeit alle. Vom Abstandswarner über die automatische Brems­steuerung oder einem adaptiven LED-Fernlicht mit Fußgängererkennung. Vielfach wird sogar schon vom autonomen Fahren gesprochen. Da ist es noch ein Stück hin, obwohl technisch nahezu unfassbare Dinge möglich sind. Der Weg ist vorgezeichnet. Hier leisten Unternehmen wie Continental und Bosch mit den Herstellern zusammen herausragende Entwicklungsarbeit.

 

Ideen für noch mehr Unterstützung beim Fahren gibt es ja viele.

GRAF Mobilitätskonzepte sind tatsächlich sehr im Kommen. Viele Hersteller arbeiten an erfolgversprechenden Ansätzen. Parksysteme oder Car Sharing sind hier zwei Beispiele mit viel Potenzial. Morgan Stanley hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach die durchschnittliche Auslastung von Pkws weltweit bei nur vier Prozent liegt. Die meisten Autos stehen also nur rum, man bräuchte deutlich weniger, wenn man sinnvolle Konzepte zum Teilen fände. Solche Themen schon jetzt anzugehen, ist wahrscheinlich klug. Denn wenn die großen Anbieter auf diesen Feldern in Zukunft nicht punkten können, dann wird es für sie zu einem echten Problem. Nicht in der unmittelbaren Zukunft, aber wie gesagt: Die Entwicklungszyklen in der Automobilindustrie sind lang.

 

 

Sie holen sich Ihre Informationen direkt von der Primärquelle, den Unternehmen. Wie viele Gespräche führen Sie im Jahr?

GRAF Mit den deutschen Herstellern treffe ich mich bis zu vier Mal im Jahr. Dazu kommen viele Veranstaltungen, bei denen man sich ebenfalls trifft. BMW war zuletzt im Mai zu Besuch, da haben wir uns ganz bewusst mit den kleineren Projekten beschäftigt.

 

Über Investition und Entwicklung wird sicher viel berichtet, aber wo sind die Schwachstellen?

GRAF Es gibt eine offene Flanke, die vor allem deutsche Unternehmen in der Auto-branche umtreibt: die Demografie. Was sich jetzt schon abzeichnet, ist die Herausforderung, in Zukunft die passenden Fachkräfte zu finden. Und Regulierung auf allen Ebenen ist ein Thema, nicht nur beim Kraftstoffverbrauch. Vielen Unternehmen steht schon buchstäblich der Schweiß auf der Stirn, wenn sie nur an die Erfüllung der Frauenquote denken. Schaut man sich die Verfügbarkeit weiblicher Studienabsolventen unter den Ingenieuren an, wird klar, dass dies eine schwer zu erfüllende Aufgabe wird. Das trifft genauso die Zulieferer. Bosch hat etwa 290.000 Mitarbeiter, davon ca. 120.000 in Deutschland. Solche Zahlen machen die Dimension dieser Anforderung sichtbar. Folglich wird viel investiert in die Ausbildung von Facharbeitern, in die Entwicklung des eigenen Nachwuchses, in Studiensponsoring, in duale Studiengänge. Zudem steht die Bindung der Mitarbeiter bei allen Herstellern ganz oben auf der Prioritätenliste. Auch diese Herausforderung lässt sich nur meistern, wenn Unternehmen wirklich auf Nachhaltigkeit setzen.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Juli 2015