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Europa will Standards setzen
Fahrplan für ein nachhaltiges Finanzsystem

Die Europäische Kommission hat Anfang März 2018 ihre Strategie für ein Finanzsystem vorgestellt, das die EU-Agenda für den Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung unterstützt. Wesentliche Punkte dieses Aktionsplans basieren auf Empfehlungen aus dem Ende Januar 2018 veröffentlichten Abschlussbericht der „High Level Expert Group on Sustainable Finance“ (HLEG).

Nachhaltigkeit ist das Thema unserer Zeit – und das Finanz­system spielt angesichts seiner Allokations- und Multiplikator­funktion eine Schlüssel­rolle“, sagt Michael Schmidt, Mitglied der Geschäfts­führung der Deka Investment. Als einer der zwanzig von der Europäischen Kommission berufenen Experten der HLEG hat Schmidt ein Jahr lang daran mitgearbeitet, konkrete Empfehlungen für ein nach­haltigeres Finanz­system in Europa zu entwickeln. Die HLEG-Mitglieder, ergänzt um neun Beobachter, setzten sich aus Vertretern der Finanz­wirtschaft (Banken, Versicherungen, Pensions­fonds, Vermögens­verwalter, Börsen), von internationalen Institutionen, der Wissenschaft sowie der Zivil­gesellschaft zusammen. „Der HLEG-Abschluss­bericht ist das bislang umfassendste und am meisten beachtete Werk zu Nachhaltigkeit in der Finanz­industrie“, ist Schmidt überzeugt. „Der Bericht beschreibt zum einen die Heraus­forderungen und Chancen, vor denen die EU bei der Entwicklung einer nach­haltigen Finanz­politik steht. Zum anderen zeigt er Wege auf, wie der Finanz­sektor den Übergang zu einer ressourcen­effizienten und kreis­lauffähigen Wirtschaft unterstützen kann.“

170 – 180 Milliarden Euro werden benötigt – jährlich

Denn der Übergang zu einem nachhaltigeren Wirtschaftsmodell umfangreiche Investitionen in der Wirtschaft. Die Europäische Kommission schätzt, dass jährlich zusätzliche Investitionen in Höhe von 170–180 Milliarden Euro erforderlich sind, um allein die EU-Ziele für Energie- und Klimapolitik als Folge des Pariser Klima­abkommens zu erreichen. Die Investitionen, die zur Erreichung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung auf Basis der Agenda 2030 der Vereinten Nationen erforderlich sind, werden noch höher ausfallen. Diese Investitionslücke erfordert eine rasche und substanzielle Umschichtung von Kapital in nachhaltige Tätigkeiten, die auch Beschäftigung, Produktivität und Wettbewerbs­fähigkeit der EU-Wirtschaft fördern sollen.

Den Wandel beschleunigen

Ein Fahrplan für ein nachhaltiges Finanzsystem muss demzufolge mehrdimensional sein und die Komplexität des Systems sowie die Vielfalt der Bedürfnisse und Kapazitäten in der EU widerspiegeln. „Als die HLEG nach dem Zwischen­bericht vom Juli 2017 ihre Arbeit vertiefte, kristallisierten sich vier gemeinsame Themen heraus, die alle endgültigen Empfehlungen der Gruppe durchziehen“, erläutert Schmidt.


Das erste Thema ist Schmidt zufolge die Notwendigkeit, in Europa einen vollständig koordinierten Ansatz für eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, der Veränderungen im Finanz­system mit den Aktivitäten in der Realwirtschaft in Einklang bringt. Es ist dabei für die europäischen Regierungen essentiell, sicherzustellen, dass Preissignale sowohl positive als auch negative Externalitäten abbilden, zum Beispiel in der Form von Änderungen in der Besteuerung, bei Subventionen und Performances Standards, vor allem in der Landwirtschaft, Immobilienwirtschaft, im Energie­sektor, in der verarbeitenden Industrie, im Transportsektor, in der Wasser­wirtschaft und in der Entsorgungsindustrie.

 

Die zentrale Rolle der Finanzwirtschaft als Dienstleister, im Dienst der Bedürfnisse und Präferenzen ihrer Kunden, ist laut Schmidt der zweite Themenbereich. Wie ein roter Faden zieht sich durch den Schlussbericht die Anforderung an Finanzinstitute, Kunden und Anspruchsberechtigte nach ihren Nachhaltig­keits­präferenzen und ethischen Werten zu fragen. Dadurch lässt sich auch das Vertrauen in den Finanz­sektor wieder­herstellen und in seine Fähigkeit, Kapital zu den tatsächlichen Bedarfen der Wirtschaft und der Bürger zu lenken.


„Die dritte Thematik hebt hervor, wie wichtig es ist, nachhaltige Finanzierungen mit den spezifi schen Bedarfen in den Regionen Europas zusammen­zubringen“, erläutert Schmidt. Ein dezentraler und interaktiver Ansatz ist hierfür nötig, der sich auch geeigneter lokaler Banknetz­werke – wie zum Beispiel der Sparkassen – und der besten Eigen­schaften von FinTech bedienen könnte.

 

Das dringliche Erfordernis, so Schmidt, ist aber das vierte Anliegen: Hier geht es darum, den Zeithorizont von Entscheidungen in der Finanz­wirtschaft auszudehnen. Auf diese Weise können auch weiter in der Zukunft liegende, aber tiefgreifende Struktur­veränderungen antizipiert werden, die mit der Nachhaltigkeits­agenda zusammen­hängen. Die damit verbundenen Chancen können so besser ergriffen und die Risiken minimiert werden.

Das Ziel im Auge behalten

All diese Aspekte hat die Experten­gruppe in ihrer Arbeit berücksichtigt und dabei eine Vielzahl von Ansatz­punkten identifiziert, strukturiert und priorisiert, um der Kommission die zügige Umsetzung zu erleichtern. Im Bericht gibt es insgesamt 28 Empfehlungen: acht Kern­empfehlungen mit höchster Priorität, acht weitere Querschnitts­empfehlungen und acht branchen­spezifische Empfehlungen, die sich auf bestimmte Finanz­sektoren erstrecken; vier weitere Empfehlungen behandeln darüber hinausgehend soziale beziehungs­weise weiter­greifende umwelt­bezogene Inhalte.


„Die im Bericht genannten Empfehlungen dürfen nicht als ein modularer Satz von einzelnen Empfehlungen betrachtet werden“, erläutert Schmidt. „Vielmehr lassen sich die Kern- und Querschnitts­empfehlungen in drei größere Handlungs­felder zusammen­fassen“. Schließlich darf man – bei aller Komplexität und Inter­dependenz – nicht vergessen, warum diese und alle folgenden Anstrengungen unternommen werden“, betont Schmidt. „Ein Finanzsystem ist kein Selbstzweck, sondern dient einer nachhaltigen Wirtschaft. Und Nachhaltigkeit bedeutet, wirtschaftlichen Wohlstand langfristig robuster, sozial stärker integriert und weniger abhängig von der Ausbeutung endlicher Ressourcen und der natürlichen Umwelt zu gestalten.“ Darin, so Schmidt, liegt für die Finanz­branche schließlich auch die Chance, eine sinn­stiftende Rolle einzunehmen und so Akzeptanz und Vertrauen in der Gesellschaft zurück­zugewinnen.

Weiter im Aktionsplan

Mittlerweile hat die Europäische Kommission ihren „Aktionsplan: Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ vorgelegt. Dessen Ziel ist es insbesondere, Finanzfragen und die spezifischen Erfordernisse der europäischen und der globalen Wirtschaft zum Nutzen des Planeten und unserer Gesellschaft noch enger miteinander zu verknüpfen. Der Aktionsplan stützt sich in großen Teilen auf die Empfehlungen der HLEG. Er beschreibt nicht nur zehn zentrale Maßnahmen, die alle Akteure des Finanzsystems mit einbeziehen. Darüber hinaus priorisiert er sie auch und bringt sie in eine zeitliche Abfolge. Schmidt: „Die dabei angestrebte Geschwindigkeit ist beachtlich, schließlich sollen die Maßnahmen bis Ende 2019 umgesetzt werden.“


So wird die Kommission beispielsweise schon im Mai 2018 Gesetzgebungsvorschläge für die Pflichten institutioneller Anleger und Vermögensverwalter unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit vorlegen, außerdem für die Grundsätze und den Umfang einer EU-Taxonomie für klimawandel­bezogene, umweltpolitisch und sozial nachhaltige Tätigkeiten. Und im zweiten Quartal 2018 wird die Kommission die Richtlinie über Märkte für Finanz­instrumente (MiFID II) und die delegierten Rechtsakte zur Versicherungs­vertriebs­richtlinie (IDD) ändern, um die Nachhaltig­keit bei der Eignungs­beur­teilung zu verbessern.


„Die EU meint es ernst damit, bei der Bekämpfung des Klimawandels die Führungs­rolle zu besetzen“, fasst Schmidt zusammen. „Europa ist durchaus in der Lage, diese Führungsposition auf globaler Ebene einzunehmen, und kann dabei das bevorzugte Ziel für nach­haltige Investitionen beispiels­weise in emissions­arme Technologien werden.“

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 2, Mai 2018