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Standpunkte
Stabilisierung in der Euro-Peripherie?

Die Erholung in der Eurozone nimmt Gestalt an, auch wenn das Wachstum in einigen Ländern noch sehr schwach ist. Deshalb ist es wichtig, dass die Europäische Zentralbank den konjunkturellen Aufschwung weiter unterstützt und ihren expansiven Kurs beibehält. Das ist möglich, weil Inflationsgefahren derzeit keine Rolle spielen. Im Gegenteil: In manchen Ländern überwiegen sogar die Deflationsrisiken. Zu nied­rige Inflationsraten in der Eurozone zu bekämpfen, ist auch Aufgabe der EZB. Die jüngste Zinssenkung war daher genau der richtige Schritt.

Die systemischen Risiken sind weitgehend vom Tisch – das ist entscheidend.


Dr. Karsten Junius

Senior Economist, Internationaler Währungsfonds IMF

Schließlich steht viel auf dem Spiel: Eine weitere Stabilisierung der Eurozone ist weltweit von hoher Bedeutung, weil dadurch die Fragilität des Finanzsystems begrenzt wird. Bislang ist dies sehr gut gelungen. Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone ist der Hoffnung auf eine stärkere wirtschaftliche Belebung in den Peripherieländern gewichen. Von dort dürften 2014 noch keine nennenswerten Beiträge für das Wachstum der Weltwirtschaft kommen. Aber die systemischen Risiken sind weitgehend vom Tisch, und das ist für die Entwicklung der Weltwirtschaft entscheidend.

Im nächsten Schritt wird es nun darauf ankommen, die strukturellen Ungleich­gewichte innerhalb der Eurozone zu reduzieren. Dabei kommt auch Deutschland eine wichtige Rolle zu. Die deutsche Wirtschaft ist erfreulich robust. Dies resultiert jedoch hauptsächlich aus Exporten, wie die hohen Leistungs­bilanzüberschüsse zeigen. Im Gegenzug exportiert Deutschland auch Kapital – und zwar weit mehr als jede andere Nation weltweit. Damit gehen einige Risiken einher, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben. Viele einheimische Chancen bleiben ungenutzt. Mehr Investitionen im Inland, aber auch ein stärkerer Binnenkonsum würden Deutschland daher sehr gut zu Gesicht stehen. Dann wäre das Wachstum noch stabiler und die tenden­ziell alternde Bevölkerung könnte stärker von der einheimischen Wirtschaftskraft profitieren. Außerdem würde Deutschland einen wichtigen Beitrag zu einer besseren Balance in der Eurozone leisten – eine zen­trale Voraussetzung für nachhaltige Stabilität in diesem Währungsraum.

Die Voraussetzungen für mehr Kreditwachstum und höhere Gewinne sind gut.

Frank Hagenstein

Chefanlagestratege

Deka-Gruppe

Der Grundstein für die Erholung der Eurozone wurde am 26. Juli 2012 gelegt. Notenbankpräsident Mario Draghi stellte an diesem Tag in London den Kauf von Staatsanleihen der Krisenländer in Aussicht. Ein Signal, das das Vertrauen in den Euro gestärkt hat. Die Folge waren Kurssteigerungen an den Finanz­märkten, die eine wirtschaftliche Erholung der Eurozone vorweggenommen haben.

Inzwischen wächst die Wirtschaft wieder, wenn auch nur langsam. Die günstigen Rahmenbedingungen spielen dabei eine entscheidende Rolle: Die EZB sorgt mit ihrer expansiven Politik – niedrigen Zinsen und Langfristtendern – dafür, dass es keine Liquiditäts- und Refinanzierungs­probleme bei Banken mehr gibt. Und die Krisenländer können sich wieder günstiger refinanzieren. Das sind alles gute Voraussetzungen für mehr Kreditwachstum, höhere Unternehmensgewinne und damit für weiteres Kurssteigerungspotenzial am europäischen Aktienmarkt.

Die kerneuropäischen Aktienmärkte profitierten von der hohen Liquidität sowie den Gewinnsteigerungen der Unternehmen, während in der Peripherie bisher überwiegend die Liquidität für Kurszuwächse ge­sorgt hat. Mehr reales Aufholpotenzial und mehr Chancen gibt es also in den Randmärkten. Auch bei Renten­anlagen ist die Peripherie noch immer attraktiv. Die Kurs­aufschläge zur Bundesanleihe haben sich zwar schon deutlich verringert, die Überrendite ist aber weiterhin eine wichtige Ertragsquelle.

Geht der Erholungspfad eher geradlinig weiter? Wahrscheinlich nicht. Denn eine große Aufgabe steht noch bevor – die Banken­rekapitalisierung. In der Phase der Bilanzgesundung wird die Kreditvergabe zunächst gedrosselt. Das kann belasten. Auch gibt es in den einzelnen Ländern ganz unterschiedliche Heraus­forderungen, die erst noch bewältigt werden müssen. In Italien beispielsweise das überholte politische System und das magere Wachstum, in Spanien die starke Fokussierung auf die Bauwirtschaft und die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das alles kann die Erholung aber maximal bremsen, nicht aufhalten. Das wissen auch die ausländischen Investoren und kehren nach Europa zurück.

Viele Investoren sind in der Peripherie nach wie vor unterinvestiert.


Stefan Hachmeister

Leiter Kapitalmarktgeschäft Deka

Endlich ist das Fahrwasser in der Euro­zone wieder etwas ruhiger, die Volks­wirtschaften konnten mehrheitlich auf Er­holungs­kurs schwenken. Sowohl Aktien- als auch Rentenmärkte reagierten darauf mit stattlichen Kursgewinnen. So haben sich die Renditeaufschläge der Peripherie­länder zu Staatsanleihen der Kern­länder enorm reduziert. Mit Irland, dem Vorreiter, konnte gar ein Plus von 16 Prozent bei Anlagen in zehnjärigen Staatsanleihen verdient werden. Die Frage ist nur, wer an dieser Erholung tatsächlich partizipieren kann.

Fakt ist: Viele Investoren waren im Zuge der Krise gezwungen, ihre Positionen in den kriselnden Ländern abzubauen. Weil Risikolimite reduziert oder vollständig gestrichen wurden, es strenge Anlagerichtlinien gab und sich kaum ein Investor diesem unkalkulierbaren Risiko aussetzen wollte. Die Erholung fand dann konsequenterweise ohne diese Investoren statt.

Auch viele nordeuropäische Kreditinstitute partizipieren nicht an der Erholung. Denn im Vorgriff auf die Bankenstresstests hatten sie darauf verzichtet, Anleihen der Peripherieländer zu kaufen. Schließlich galt es, Risiken zu reduzieren. Deshalb wurde in Anleihen von Finanzinstituten, Pfandbriefe aus den Kern­ländern bzw. Papiere supranationaler Emittenten wie des EFSF oder der EIB investiert. Folglich gab es nur wenige Nutznießer, zumindest hierzulande. Wer in seiner Anlage­strategie aufgrund fest vorgegebener Allokationsquoten an Positionen in den Peripherieländern festhalten musste, freut sich jetzt über hohe Kursgewinne. Auch Anleger aus den Peripherieländern, die seit Beginn der Erholungsphase kräftig in ihre Heimatmärkte investiert haben, zählen heute zu den Profiteuren.

Alle anderen dürfte zumindest der Ausblick erfreuen. Die meisten Länder – Italien ausgenommen – sind auf Erholungskurs und haben damit Potenzial für weitere Outperformance. Ein Trend, der sich sogar noch verstärken könnte. Denn viele Investoren sind in der Peripherie noch unter­investiert, wollen jetzt einsteigen. Das erhöht die Nachfrage und die Kurse, aber auch das Rückschlagrisiko.

Markt & Impuls - Für institutionelle Investoren - Ausgabe 1, Januar 2014